Heinrich Schirmbeck Stiftung | „Überwindung der Aggression“ oder „Die Kultur und das sogenannte Böse“ Heinrich Schirmbeck
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„Überwindung der Aggression“ oder „Die Kultur und das sogenannte Böse“ Heinrich Schirmbeck

„Überwindung der Aggression“ oder „Die Kultur und das sogenannte Böse“ Heinrich Schirmbeck

16:52 22 April in News

Heinrich Schirmbecks Essay zur „Überwindung der Aggression“ die Kultur und das sogenannte Böse – zeigt dem Menschen einen Weg, den Zusammenhang mit dem ungelösten Problem der menschlichen Aggressivität, aber auch mit den Tendenzen einer zivilisatorischen Enthemmung und Ausartungsbereitschaft, einer zunehmenden Primitivierung und Deformierung im Strom der Reizüberflutung, die bewusst gewählte Askese als ein therapeutisches Gegenmittel im Prozess einer zu neuen Normen hinzuführenden globalen Gesellschaft.

Gibt es ein Gesetz, das dem Menschen gebietet, die biologischen und ökologischen

Kreisläufe der Natur unangetastet zu lassen oder sich zumindest so geschmeidig und respektvoll in sie einzufügen, dass sie nicht die geringste Störung erleiden? Steht der Mensch so sehr außerhalb der Natur, dass alles, was er tut, naturnotwendig einen Eingriff bedeutet? Ist er nicht vielmehr auch ein System der Natur, da komplexeste allerdings unter allen Systemen, und ist er als solches berechtigt, auf andere Systeme einzuwirken und, wenn nötig, ihren Rhythmus zu verändern? Die Entwicklung des Menschen vom instinktgebundenen Tier zum umweltoffenen, objekt-distanzierten Geistwesen liegt eingebettet im Flusse eines unteilbaren biologischen Fortschritts. Und wenn er selbst seit etwa hunderttausend Jahren keine weitere anatomische Fortentwicklung mehr zeigt, so bedeutet das keineswegs, dass er biologisch stagniert. Die Entwicklung hat sich nur aus der Biosphäre in die Neo- bzw. Technosphäre verlegt. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass der gesamte kulturelle Prozess, in dem wir stehen, nichts anderes als ein biologischer Sonderfall, eine Fortführung rein biologischen Verhaltens, nur unter dem Zeichen des Geistes und der Psyche ist. Eine solche Auffassung erkennt auch das gegenwärtige Stadium der Technisierung, der maschinellen Organisation usw. als sinnvolle Station eines universellen biologischen Prozesses.

In dieser Weise gesehen, bekommt dann unser Problem ein anderes Gesicht. Auch der Mensch wäre demnach ein Teil des großen ökologischen Prozesses. Als Geschöpf der Natur, selbst als geistbegabtes Geschöpf, kann man ihn nicht ohne weiseres, außerhalb der natürlichen Kreisläufe stellen und behaupten, er sei die Negation alles dessen, was die Natur in jahrmillionenlanger Entwicklung hervorgebracht habe. Auch die Natur ist ja nicht konservativ. Im Gegenteil: ihr angeborenes Prinzip ist die Entwicklung, die Veränderung, die Verwandlung der Formen, die Differenzierung und Spezialisierung, kurz die Evolution. Auch sie lässt Arten die sie schuf, wieder aussterbe; auch sie trägt Berge wieder ab, die sie vorher emporgetürmt; auch sie lässt dort Wüsten entstehen, wo vorher Meere waren: und sie lässt Sterne den Kältetod sterben, die einmal glühende Gasbälle waren. Alle diese Veränderungen, dieses <Stirb und Werde!> vollzieht sich in unvorstellbar langen Zeiträumen. Im Menschen dagegen schuf sie sich ein Instrument, das Veränderungen unvergleichbar schneller bewirken kann. Der Mensch ist gewissermaßen Natur in höchster Potenz, ein Beschleunigungsprinzip, das millionenfach rascher arbeitet als die bisher gewohnten Kreisläufe. Und hier liegt das Problem.

>>Der Mensch ist eines der grauenvollen Ergebnisse mangelnder antiseptischer Vorsorge des Kosmos>> sagte der englische Naturforscher Sir Arthur Stanley Eddington. Aber vielleicht musste gerade der Mensch kommen, um die Natur von der Monotonie ihrer ungeheuer schleppenden Abläufe zu erlösen. Das wäre dann eine neue Perspektive: der Mensch, selber der Erlösung bedürftig, als Erlöser und Vollender der Natur. Statt der Vollendung könnte die Katastrophe eintreten. Die Kultur- und Zivilisationskritiker vom Schlage eines Ludwig Klages, Theodor Lessing, Werthmüller, Turel, Manstein, Vogt haben recht, wenn sie auf diese Möglichkeit beschwörend hinweisen. Kulturkritik, ja sogar Kulturpessimismus in seiner düsteren Form als entzeitliche Apokalypse haben ihre legitime Funktion gewissermaßen als Regulativ in gefahrvoll gewordenen Entwicklungen. Der Intellekt, selber ein spätes Produkt des Lebens, kann in der Hybris des Alleinherrschenswollens das Leben gefährden. Dieser Möglichkeit müssen wir ins Auge sehen.

Man sieht: die Gefahren werden wohl erkannt. Ob sie allerdings Resolutionen noch so verantwortungsvoller Gremien imstande sein werden, die zunehmende Verwüstung und Verseuchung unseres Planeten zu verhindern, hängt nicht nur davon ab, ob Begriffe wie HUMANITÄT und MENSCHENWÜRDE als politische Faktoren in den wachsenden Integrationsprozess unserer Welt eingebaut werden können, sondern auch davon, ob es gelingt, die globale Bevölkerungslawine unter Kontrolle zu bekommen. Es gibt Pessimisten, die es für sinnlos halten, an den Symptomen herumzudoktern, und die statt dessen eine technische Askese fordern.

In einem Jahrhundert entfesselter Güterproduktion und ungehemmten Verbrauchs den Gedanken der Selbstdisziplin zur Diskussion zu stellen, erregt Befremden und mitleidiges Lächeln.

 

Fortsetzung

 

Heinrich Schirmbeck erwähnt in seinem Rundfunk Essay „Überwindung der Aggression“ folgendes:

Wir wollen diese Askese, die hier im technischen Bereich gefordert wird, einer näheren Untersuchung unterziehen. Sie ist in den letzten Jahren von namhaften Anthropologen, am entschiedensten von Arnold Gehlen, und zwar ausdrücklich im Zusammenhang mit den ungelösten Problem der menschlichen Aggressivität, aber auch mit den Tendenzen einer zivilisatorischen Enthemmung und Ausartungsbereitschaft, einer zunehmenden Primitivierung und Deformierung im Strom einer spätzeitlichen Reizüberflutung, als ein therapeutisches Gegenmittel im Prozess einer zu neuen institutionellen Normen hinzuführenden globalen Gesellschaft genannt worden.

Sie wird uns überraschende und erhellende Einsichten in Zusammenhänge vermitteln, die wir bisher deutlich genug erkannt haben; zum Beispiel in dem Zusammenhang zwischen dem materiellen Luxurieren einer technischen Zivilisation und den immer schwieriger werdenden Möglichkeiten, gestaute Aggressionspotentiale ungefährlich abzuleiten. Zum Schluss wollen wir dann eine Brücke zur modernen Verhaltensforschung schlagen und das Phänomen der Aggression auch in seinen tiefenpsychologischen und theologischen Aspekten betrachten.

Arnold Gehlen weist darauf hin, dass schon William James zu Anfang dieses Jahrhunderts in seinem Buch „Die religiöse Erfahrung“ für die Idee eines asketischen Heroismus plädierte. Er meinte, im Heroismus läge das letzte Geheimnis des Lebens verborgen. Auch Biologen wie Lecomte du Nouy oder Alexis Carrel sehen im selbstlosen Opfer des Ich für eine höhere Idee die eigentliche Triebkraft im Prozess der Menschwerdung. Nun ist klar, dass einer nach innen befriedeten, technisch funktionalisierten Massengesellschaft wie der unsrigen kein Raum mehr für den individuellen Heroismus bleibt. Kriege, das sah James bereits vor einem halben Jahrhundert, wären innerhalb eines technisch durchgegliederten Planeten lediglich gigantische Massenverbrechen. Auf der Suche nach einem moralischen Äquivalent für den Krieg kommt er zu den folgenden Schluss:

„Ich möchte glauben, dass in dem alten mönchischen Armutsideal trotz seiner Einseitigkeit das gesuchte moralische Äquivalent für den Krieg liegt. Sollte nicht die freiwillig erwählte Armut [das tapfere Leben] sein, das dabei nicht nötig hat, die Schwächeren zu unterdrücken? Es ist heute bitter Not, dass uns wieder einmal laut das Lob der Armut gesungen wird. Wir verachten jeden, der im Interesse der Pflege seines inneren Lebens den Weg der Armut wählt. Nimmt er nicht teil an dem allgemeinen Hasten, an der gierigen Jagd nach Geld, so halten wir ihn für beschränkt und werfen ihm Mangel an Ehrgeiß vor …Ich empfehle diese Frage ernstem Nachdenken, denn sicherlich ist die herrschende Furcht vor der Armut unter den gebildeten Klassen die schlimmste moralische Kran, kheit, an der unsere Zeit leidet“.

Man spürt, dass hier der Schlüssel zu einem der wichtigsten anthropologischen Probleme liegt; aber das Thema der Armut, der Askese ist außer in der Mystik, der Stoa und buddhistischen Schriften nie sehr populär gewesen. Vor allem gibt es kaum irgendwo eine brauchbare Anwendung auf biologisch-anthropologische Fragen. Der Soziologe Arnold Gehlen wies 1952 in einem Vortrag auf der Handelshochschule St. Gallen darauf hin, dass alle Elemente der christlichen Ethik, bis auf die Askese, inzwischen irgendwie säkularisiert worden seien. Man könnte die Errungenschaften des Liberalismus, der Humanität, der Gleichheit, des Fortschritts und so weiter als säkularisierte christliche Inhalte ansehen. Lediglich an die Askese habe sich bisher niemand herangewagt. Sie sei eine Forderung, die sich ohne heuchlerische Salbaderei.offenbar nicht in weltgültige Münze umprägen lasse.

Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang an eine Stelle aus Ortega y Gassets im Jahre 1930 erschienenen Buch „Der Aufstand der Massen“, wo er das Porträt des [zufriedenen jungen Herrn] zeichnet, dem wir folgende Züge entnehmen:

„Der zufriedene junge Herr lässt uns an gewisse niedere Arten des Menschseins denken, an das verzogene Kind und den rebellischen Wilden, den Barbaren. Dieses Geschöpf, das sich heute überall breit macht und seine innere Unkultur durchsetzt, ist in der Tat das Hätschelkind der menschlichen Geschichte. Hätschelkind ist der Erbe, der nichts als Erbe ist. Heute ist das Erbteil die Zivilisation mit allen ihren Vorteilen – Bequemlichkeit, Sicherheit usw. Nur in dem behaglichen Leben, das sie in der Welt geschaffen hat, kann ein Mensch dieser Art aufkommen. Er gehört zu den zahlreichen Missbildungen, wie sie der Überfluss an der menschlichen Materie hervorbringt. Man glaubt gern, ein Leben, das in eine überreiche Welt hineingeboren ist, sei besser, das heißt mehr Leben, als eines, dessen Hauptinhalt der Kampf gegen die Not ist. Eine allzu gut ausgestattete Welt bringt zwangsläufig jene schweren Deformationen hervor, die sich unter der allgemeinen Kategorie des Erben vereinigen lassen. Ein anderer ist das verwöhnte Kind, in anderer, weit umfassender und grundsätzlicher in seiner Bedeutung, der Massenmensch unserer Zeit“.

Hierzu eine Parallele aus der Biologie: Wenn man reine Leberkulturen nach der Carrelschen Methode untersucht, so stellt man fest, dass die Kulturen bei übermäßiger Ernährung sich ungewöhnlich stark vermehrt, gleichzeitig aber die Produktion der für die Leberzellen charakteristischen Substanz, des Glykogens, einstellt. Lässt man diese Zellen nun wieder fasten, so tritt das Glykogen wieder auf, doch die Zellen vermehren sich dann nicht weiter. (Gekürzte Wiedergabe: …)

Auf den Menschen angewandt; bei einem Leben im Überfluss und Sorglosigkeit vergisst er seine eigentliche, seine höchste Aufgabe, genauso wie die Zellen nicht länger mehr ihre besonderen physiologischen Funktionen erfüllen, sondern sich bloß noch weiter vermehren, als wären sie degeneriert.

Unser Zeitalter hat einen Krankheitsbegriff entwickelt, der sowohl das Individuell-Medizinische als auch das Sozial-Überindividuelle umfasst; es nicht nur umfasst, sondern beides gleichsam aufeinander zuordnet. Die organisch-biologische Krankheit wird hier gewissermaßen als Spiegelbild einer größeren sozialen Störung gesehen. Dieser Zusammenhang verdient eine nähere Untersuchung. Ebenso wie die heutige Anthropologie sich angewöhnt hat, den Menschen nicht mehr an sich, per se, zu betrachten, als einer unbeweisbaren Fiktion nachzujagen, sondern ihn in der Zuordnung zu den jeweiligen kulturellen Institutionen wie Sitte, Recht, Wirtschaftsform und so weiter zu deuten zu versuchen, ebenso ist die individuelle Krankheit etwas, das nur im Lichte kollektiver Zusammenhänge seinen Sinn offenbart. Was hier versucht wird, das ist der Schritt vom individuellen Naturbereich zum geistigen Sozialbereich. Haben wir uns mit solcher Denkweise erst einmal vertraut gemacht, dann erkennen wir auch die zusammenhänge zwischen Krebs und Schizophrenie, der anderen auffälligen Sozialkrankheit unserer Zeit. Ist nicht jedes Auseinanderklaffen zwischen dem Luxurieren eines einzelnen Zellverbandes und den Notwendigkeiten des übergeordneten Organismus ein schizoides, ein Spaltungsphänomen? Leidet nicht unsere ganze Kultur unter dieser Spaltung, oder, wie Kütemeyer sagt, ²dieser Diskrepanz zwischen den materiellen Produktionskräften und der plastischen Kraft, ihnen geistig und in den eigentlich menschlichen Ordnungen zu folgen?“ Die Erscheinung des hemmungslosen zivilisatorischen Luxurierens ist also nicht nur ein Symptom der kulturellen Barbarei, der Anarchie, sondern auch das tief-verräterische Spiegelbild einer schizophrenen Störung im sozialen Organismus; denn ist nicht das Organische eben das plastisch Gestaltende, zweckvoll Formende, das sowohl den Teilen als auch dem Ganzen gerecht wird und beide in funktioneller Zuordnung den Herausforderungen des Daseins anpasst? Diese organische Steuerungskraft, dieses kybernetische Prinzip der Gesellschaft ist in Gefahr, vom autonomen technischen Luxurieren überwuchert zu werden. Beide Tendenzen stehen unverbunden, beziehungslos nebeneinander, und das kann man ja wohl nur noch als soziale Schizophrenie bezeichnen..

Doch handelt es sich, wenn hier Askese verlangt wird, nicht einfach um die Forderung, den Lebensstandard einzuschränken oder den Überkonsum mechanisch zu drosseln und ähnliches; was wir im Auge haben, ist etwas hiervon ganz Verschiedenes: wir meinen die Fähigkeit, auf Grund vernünftiger Einsicht auf gewisse Dinge zu verzichten, dass man sich bewusst von dem Überfluss der angebotenen Genüsse, Reize und Befriedigungen ausschließt und damit die Exzesse der Sensibilität und der Affektibilität, der wahllosen Ansprechbarkeit und Ausartungsbereitschaft der Triebe von innen her dämpft und beschneidet. Es ist einfach zu einer Lebensfrage für den Menschen geworden, dass er lernt, das durch innere Disziplin zu ersetzen zu ersetzen, was ihm die technische Zivilisation an äußeren Schranken und Normen genommen hat. Wir spielen dabei keineswegs nur auf materielle Dinge an. Das wahllos-barbarische Luxurieren ist ja fast noch deutlicher auf der Ebene der sogenannten Kulturindustrie zu beobachten.

Der Schweizer Kulturphilosoph Max Picard spricht in seinem Buch „Die Welt des Schweigens“ von der Tugend des Schweigens als einer Art intellektuell-ästhetischer Askese; als Protest des Individuums gegen das Überschwemmtwerden mit sinnlichen, geistigen, künstlerischen, motorischen, affektiven, hochdifferenzierten und primitiven Reizen. Das alles in einer Überfülle und Diskontinuität, die jeden Sinn für organisch gewachsene Zusammenhänge, für Grenzen, Normen, überlieferte Verhaltensformen und Wertmaßstäbe zerstören müsse. Hendrik de Man spricht in seinem Buch „Vermassung und Kulturzerfall“ davon, wie durch die zunehmende Schrumpfung der raumzeitlichen Distanzen das Gefühl für historisch gewordene und biologisch bedingte Maßstäbe verloren geht; wie eine allgemeine Orientierungslosigkeit und Barbarei der Wahrnehmungen Platz greift.

Die Zeit zu einer geordneten Verarbeitung der Reize und Impressionen fehlt; nichtsdestoweniger hinterlassen die nicht gesiebten und geklärten Eindrücke einen schwelenden Rest, der uns nervös belastet. Wir leben ohne dass wir es bemerken, im psychisch-ästhetischen Chaos. Dieses Chaos ist eine Frucht des kulturellen Luxurierens, und so darf man denn ruhig das ketzerische Paradoxon aussprechen, dass uns das Übermaß der technischen Zivilisation dem menschlichen Urzustand, der primitiven Barbarei näher gebracht hat, als wir es in den letzten fünftausend Jahren je gewesen sind.

Beim Tier schafft der einschichtige Instinkt Stabilität. Beim Menschen ist es erst das komplizierte und dauernden Schwankungen unterworfene Wechselverhältnis zwischen Trieb, Impuls, Affekt einerseits, und en mühsam errichteten kulturellen Institutionen andererseits, das so etwas wie ein bewegliches Gleichgewicht herstellt.

Den Menschen als Wesen an sich gibt es nicht; er ist nur auf dem Hintergrund seiner Gesellschaftsverhältnisse zu deuten. Erst die Verhältnisse geben ihm, dem stets zur Ausartung geneigten Wesen, jene Konturen, die ein Bild, eben ein Menschenbild, zu zeichnen erlauben. Dieses bewegliche Wechselverhältnis zwischen der natürlichen Plastizität des Menschen und seiner kulturellen Form ist heute ernsthaft gestört.

Freud spricht von dem Unbehagen in der Kultur, deren Übermaß er dafür verantwortlich macht, dass der Mensch seine natürliche Aggressivität nicht mehr ausleben könne und diese Hemmung durch Angstpsychosen kompensiere.

Dazu müssen wir fragen: Wie hat denn der Mensch bis zum Ausbruch der technischen Zivilisation seine natürliche Aggressivität abreagiert?

Antwort: durch seine Motorik, durch sein Muskelsystem, durch den Zwang zur schweren körperlichen Arbeit. Die paar Fehden rauflustiger Ritter, die Söldnerkriege oder später auch die Soldaten der Nationalheere fallen für die Betätigung seiner natürlichen Angriffslust im Verhältnis weniger ins Gewicht als das Verurteiltsein zu schwerer physischer Fron, die immer als ein Fluch, ein schweres Schicksal im Sinne des ibelwortes empfunden wurde:

Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen! Erst dem Liberalismus und der modernen Arbeiterbewegung blieb es ja vorbehalten, diesen Fluch in ein ideologisches Ethos zu verwandeln!

Die technische Zivilisation befreite den Menschen von der körperlichen Fron, erleichterte sein Dasein in jeder Beziehung und raubte dem Aggressionstrieb damit sein wichtigstes Ventil. Damit ist eines der wesentlichen Formelemente des Kulturmenschen hinfällig geworden. Seine Grenzen waren ja immer mehr oder minder identisch mit den Hemmungen, die ihm von außen auferlegt waren. Heute überwindet er spielend Raum und Zeit, schwelgt in Genüssen, vervielfacht seinen Konsum an Reiz- und Rauschmitteln, ist einem Hagel an leeren Sensationen ausgesetzt, erweitert seine Erlebnissphäre auf den ganzen Erdball und vertut seinen bedeutenden Teil seiner Energie und zeit nicht etwa damit, wirklich notwendige Bedürfnisse zu stillen, sondern immer neue künstliche Bedürfnisse ins Leben zu setzen, und das alles für ein Minimum an körperlicher Arbeit, für ein Minimum an individueller Gefährdung – von den großen kollektiven Gefahren sei hier einmal abgesehen -, für ein Minimum an persönlichem Einsatz. Er ist tatsächlich der „zufriedene junge Herr“, von dem Ortega spricht, das Hätschelkind des Jahrhunderts. Er ist saturiert, ein verwohnter Erbe, der Komfort und Luxus wie einen selbstverständlichen Tribut entgegennimmt und sich keine Gedanken darüber macht, wie es dazu kam, dass er alle dies Dinge genießen kann.

Das bedenkliche an der gegenwärtigen Situation besteht darin, dass der Mensch, als er den technischen Daseinsapparat schuf zu wenig von sich selber wusste. Die Anthropologie entwickelte sich erst, als die Naturwissenschaft bereits einen Höhepunkt erklommen hatte. So schuf der Mensch in der blinden Freude des Konstrukteurs einen Apparat, der zwar elegant und fast automatisch funktioniert, aber in seinen Dimensionen dem Menschen noch nicht völlig angepasst ist.

Alexis Carrel sagt dazu:

„Der Mensch sollte das Maß der Dinge sein. Statt dessen ist er ein Fremdling in der von ihm geschaffenen Welt. Er war unfähig, diese Welt zu seinem Vorteil zu organisieren, weil er keine praktische Kenntnisse seiner Natur hatte. Aus diesem Grunde ist der ungeheuere Vorsprung der abstrakten vor den Lebenswissenschaften eins der größten Verhängnisse, die der Menschheit je zugestoßen ist. Die aus unserem Verstand und aus unseren Erfindungen geborene Umwelt passt nicht zu unserem Wuchs und nicht zu unserer Gestalt. Wir sind unglücklich; wir verkommen moralisch und geistig. Die Gruppen der Völker, bei denen die industrielle Zivilisation ihre höchste Entwicklung erreicht hat, sind eben die, die am meisten erlahmen und bei denen die Rückkehr zum Barbarischen am raschesten vor sich geht.“

Der Barbar ist der Erbe, der zufriedene junge Herr, der gedankenlos Errungenschaften verprasst, für die er sich durch Leistung nicht legitimiert hat. Alles fordert ihn auf, ungehemmt seinen primitiven Affekten zu frönen. Der ganze Planet bietet sich ihm an. Moderne Düsenklipper führen ihn an die Gräber der Pharaonen, zur Akropolis und zu den Pygmäen; er frühstückt in London, speist in den hängenden Gärten der Semiramis zu Mittag und nimmt abends in den Tempelruinen von Angkor einen Whisky-Soda zu sich. Mit einem blasierten Lächeln versucht er die Zusammenhanglosigkeit dieser Impressionen zu verdauen. Je ungehemmter seine Bedürfnisse luxurieren, ein um so wertvolleres Glied ist er im Getriebe der Massenproduktion, die ihm umwirbt, ihm hätschelt wie ein Kind. Daher die bodenlose Infantilität unseres Kulturgetriebes, ein Zustand, in dem Primitivismus und Dekadenz zusammenfallen.

Die Technik hat uns von Raum und Zeit befreit, um uns nur um so fester an die Anarchie unseres unbekannten Selbst zu versklaven.

Seit die Zivilisation diesen Kurs genommen hat, experimentiert der Mensch mit sich selbst an einer Stelle, an der er es noch nie tat: Indem er versucht, sich ganz dem Joch der Umstände zu entziehen, liefert er sich selbst an etwas aus, das er noch zu wenig kennt: das ist er selbst.

Aber können wir die Entwicklung rückgängig machen? Wäre Asket heute nicht eine utopische Figur?

Dazu ist zu sagen, dass es zu allen Zeiten Eliten gegeben hat, die sich dem allgemeinen Strom widersetzten. Man denke an die mittelalterlichen Träger unserer Kulturentwicklung: die Mönchsorden, die Ritterorden und die Genossenschaften der Handwerker. Die Angehörigen der religiösen Vereinigung unterwerfen sich einer strengen physiologischen und geistigen Zucht. Die Ritter fügten sich in regeln, die je nach den Zielen des Ordens wechselten. Die Zünfte hatten ihre Gebräuche und festen Lebenssatzungen. Die Angehörigen aller dieser Gemeinschaften verzichteten auf die gewöhnlichen Daseinsformen. Weshalb sollten moderne Eliten nicht auch dazu imstande sein?

Alexis Carrel meint: „Die dissidenten Gruppen brauchen noch nicht einmal besonders zahlreich zu sein, um in der modernen Gesellschaft tiefgreifende Umwandlungen zu bewirken. Die Tatsache ist hinlänglich bekannt, dass Disziplin dem Menschen große Kraft verleiht. Eine Minderheit von asketischer und mystischer Haltung würde bald eine Übermacht über die richtungslose und entartete Majorität gewinnen und wäre in der Lage, ihr durch Überredung oder allenfalls mit Gewalt eine andere Lebensart aufzuerlegen. Kein Dogma der modernen Gesellschaft ist unveränderlich; Riesenfabriken, Bürohäuser bis in den Himmel, unmenschliche Städte, Geschäftsmoral, Glaube an die Massenerzeugung, all das gehört keineswegs unabänderlich zur Kultur. Auch andere Daseins- und Denkformen sind möglich. Eine Kultur ohne Komfort, eine Schönheit ohne Luxus, Maschinen ohne sklavenhaften Fabrikbetrieb, Naturwissenschaft ohne Vergötterung der Materie – so sehen die Zustände aus, die dem Menschen seine Geisteskraft, sein Moralgefühl, seine Männlichkeit neu schenken und ihn auf den Gipfel seiner Entwicklung führen werden“.

Er kann aber diesen Gipfel, den ihm die moderne Wissenschaft verheißt, und von dem aus er, als Statthalter der Evolution, mit Vernunft, Weisheit, Besonnenheit und liebend-einfühlender Einsicht in die Absichten der Natur und der ihm anvertrauten Geschöpfe und Energiepotentiale die weitere Entwicklung lenken wird, nur dann erklimmen, wenn er zuvor die schwerste auf ihm lastende Hypothek, die der Aggression, ablöst. Gelingt ihm das nicht, wird ihn die Aggression, angesichts der ihr zur Verfügung stehenden Zerstörungsmittel, in einen Abgrund stürzen, der tiefer ist als alles Elend, das ihm bisher widerfahren ist. Er kann aber die Aggression nur besiegen, wenn er sie umleitet in schöpferische Arbeit. Damit meinen wir nicht eine größere technische Expansion – diese entwickelt sich ohnehin zwangsläufig -, sondern die innere Arbeit des Verzichtes zugunsten einer höheren Lebensform.

Wie aber soll das geschehen? Was ist eigentlich Aggression?

In seinem 1963 veröffentlichten Buch „Das sogenannte Böse: Zur Naturgeschichte der Aggression“ betrachtet der Zoologe und erhaltensforscher Konrad Lorenz das Phänomen der intra-spezifischen Aggression in der Tierwelt; intra-spezifisch wird eine Aggression genannt, wenn sie gegen Mitglieder der eigenen Spezies oder Art gerichtet ist..Dieser Aggressionstrieb ist biologisch notwendig, wen die Art überleben soll. Er kann indessen zerstörende Ausmaße annehmen, falls ihm nicht ererbte Hemmungsmechanismen Einhalt gebieten. Derartige Hemmungsmechanismen sind zum Beispiel Demutsgebärden des im Kampf unterlegenen Tiers, etwa wenn der Wolf seinem stärkeren Gegner die Kehle als Zeichen seiner Unterwerfung ostentativ hinhält: seine Gebärde, die als Schlüsselreiz so unwiderstehlich auf den Sieger wirkt, dass der Trieb zum Töten des Gegners in ihm erlischt und er die Unterwerfung annimmt. Auf diese Weise sind sind alle Kämpfe zwischen Tieren, so erbittert sie ausgefochten werden mögen, ritualisiert. Es gelten Regeln, die nicht verletzt werden; vor allem kommt es wegen der Hemmungsreize niemals zur Tötung des Gegners. An vielerlei beeindruckenden Beispielen belegt Lorenz, dass der Aggressionstrieb eine Komponente des Triebes zur Selbsterhaltung ist – eine biologische Notwendigkeit, die der Mensch mit der übrigen Kreatur teile.

Die Menschheit wird nur dann eine Zukunft haben, wenn sie mit der Erbschaft der Aggressivität fertig wird. Diese Aggressivität diente nicht ursprünglich der biologischen Arterhaltung, wie Konrad Lorenz behauptet. Sie hat sich vom Arterhaltungsinstinkt gelöst und ist damit zur Qualität des eigentlich, ja, wir möchten sagen: des metaphysisch Bösen geworden. Das Böse ist die Lust an der Zerstörung und am Tode. Solange Vernichtungsmittel bereitliegen, die auf Knopfdruck hin, diesen Planeten in einem radioaktiven Feuersturm, so wie ihn die biblische Apokalypse prophezeit hat, zerstören und damit der Bio- wie auch der Noosphäre, das heißt der Menschheit mit ihrer Kultur, den Garaus machen können, solange wird die Verlockung dieses letzten Triumphes der Aggression wie ein Damoklesschwert über uns hängen. Wir werden sie nur beseitigen, wenn wir uns zur inneren Arbeit der Askese, in einer Welt der materiellen Fülle zum Verzicht, zum tapferen Leben, zur Achtung alles Lebenden, das heißt zum ewigen Eros durchdringen.