Schirmbeck Stiftung | Texte und Miniaturen aus „Ärgert dich dein rechtes Auge“ von Heinrich Schirmbeck
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Texte und Miniaturen aus „Ärgert dich dein rechtes Auge“ von Heinrich Schirmbeck

Texte und Miniaturen aus „Ärgert dich dein rechtes Auge“ von Heinrich Schirmbeck

18:03 28 November in News

Texte und Miniaturen aus „Ärgert ich dein rechtes Auge“ von Heinrich Schirmbeck

LYRISCHE APOTHEKE

Es fiel mir auf, dass in seinen Gedichten niemals der Name eines Gefühls vorkam. Immer hatte er den unmittelbaren Anruf gescheut, immer seinen äußersten Ehrgeiz darein gesetzt, die komplexesten seelischen Zustände durch stillebenartige Bilder wiederzugeben, Kristalle des Todesgefühls, [nature mortes} im wahrsten Sinne des Wortes, deren hermetischer Glanz eine Unendlichkeit der Bezüge zugleich offenbarte und wieder verschloss. Ein Kritiker hatte von dem leicht hypnotischen Duft seiner Verse gesprochen und damit offenbar jene Geste gedämpfter Beschwörung kennzeichnen wollen, die zugleich rief und abwinkte, lockte und in Distanz hielt. Dieser Abstand vom Emotionalen war vielleicht der Ausdruck eines sonderbaren Verhältnisses zu den Gefühlen selbst; er sah in ihnen nicht vergängliche Zustände der Seele, sondern wirklich existierende Mächte, deren Kommen und Gehen vom dämonischen Spiel der Bereitschaften und Gestimmtheiten regiert wurde. Er wusste, dass bestimmten Drogen bestimmte Gefühle zugeordnet waren; dass es Rauschgifte gab, ohne deren Aura gewisse Gedichte des letzten Jahrhunderts niemals entstanden wären, und dass die gesamte so unerschütterlich scheinende Struktur unserer Welt und unseres Wahrnehmungsvermögens von einem winzigen Quantum Meskalin aus den Angeln gehoben werden konnte. Er wusste,  dass letztlich das Spiel der Hormone dafür verantwortlich war, ob jemand zum Mörder wurde oder nicht; doch machten ihn solche Einsichten nicht zum Materialisten. Denn der Mensch, als metaphysisches Wesen, erschuf sich in jedem Augenblicke selbst; und er selbst bestimmte auch im Grunde die Alchimie seiner Begierden und Süchte. Alchimie: das war das Wort! Sein Charakter konnte nur im Bilde eines suchenden Alchimisten begriffen werden. Ich hatte einst auf seinem Schreibtisch einen von ihm selbst gezeichneten Stammbaum der Gefühle gesehen, ein phantastisch verzweigtes Gebilde, das im Tellurischen wurzelte und bis in die Höhen sublimierter Erotik reichte. Dieser Stammbaum hatte eine gewiss nicht zufällige Ähnlichkeit mit gewissen Derivationsreihen der synthetischen Kohlen-Stoffchemie; und wer ihn einmal, in einer Nische des Cafè Dôme, völlig in sich versunken, die vielgliedrige Strukturformel eines Pharmakumts auf die Tischplatte zeichnen gesehen hatte, der ahnte, dass hier eine mystische Vereinigung stattfand; die Vereinigung von lyrischer Alchemie und technischer Symbolik.