Heinrich Schirmbeck Stiftung | Texte und Miniaturen aus „Ärgert dich dein rechtes Auge“ von Heinrich Schirmbeck
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
1494
post-template-default,single,single-post,postid-1494,single-format-standard,ajax_fade,page_not_loaded,smooth_scroll,,qode-theme-ver-2.4
 

Texte und Miniaturen aus „Ärgert dich dein rechtes Auge“ von Heinrich Schirmbeck

Texte und Miniaturen aus „Ärgert dich dein rechtes Auge“ von Heinrich Schirmbeck

19:24 25 November in News

>SAULUS, SAULUS….<

 Auch der Forscher wird nie ganz aufhören, die Welt mit den Augen panischen Schreckens zu sehen, wie einst der Knabe. Und doch triumphiert er: er hat gelernt, der Wirklichkeit die Giftzähne auszubrechen; mit Hilfe des abstrakten Denkens verwandelt er die Welt der Sinne in symbolische Begriffe, mit denen er souverän operiert. Selbst die überkommene Sprache ist ihm nicht rein genug; der Duft der Erbsünde hängt in ihrem Gewebe. Er schafft sich seine eigene Sprache: die Zeichenwelt der Logistik. Nun fühlt er sich geborgen: er ist dem teuflischen Kreislauf des Seins entrückt. Ist er es wirklich? Gibt es einen Bereich des Seins, der nicht fordert, nicht zur Entscheidung ruft, nur zum Anschauen einlädt? Etwas Objektives, in sich sinnleer, zweckfremd, reine Chiffre, ein Garten der Beziehungen, bis zu dem die Sprache nicht mehr reicht? Das Glück des Forschers, eng benachbart dem des Dichters, ein sehr seltsames Glück, liegt darin, aus dem Dunstkreis des Ich herauszutreten und als rein geistiges Auge mit dem Reich der dinglichen Verhaltensweisen zu verschmelzen. In der symbolischen Logik auf hoher Ebene geschult, glaubt er, die arkadische Sinnlehre und damit sublime Heiterkeit der Erscheinungen zu erschauen.

Und doch erfährt auch er eines Tages sein Damaskus: Beim Versuch, die Methoden seiner Forschung auf die Welt des Allerkleinsten auszudehnen, wird er einer seltsamen Grenze gewahr. Er stößt auf einen ganz anderen Bereich der physischen Welt; des Allerkleinsten auszudehnen, wird er einer seltsamen Grenze gewahr. Er stößt auf einen ganz anderen Bereich der physischen Welt; einen Bereich, wo sich die kleinsten Einheiten dessen, was ist, nicht mehr anders verhalten als die Elemente seines Inneren. Es ist die Tragödie des Dichters, der Welt und Ich zugleich in der magischen Kugel einschmelzen will. Wie das Leben flieht und nichts als einen Haufen toter Zellen zurücklässt, wenn der Drang des Erkennens ihm zu nahe kommt; wie das fühlende Ich in unerreichbare Tiefen flüchtet, wenn das erkennende Ich mit dem Seziermesser naht, so umhüllen sich auch die kleinsten Elemente der physischen Welt mit dem Schleier der Nicht-Identifizierbarkeit, wenn der Erhellungsdrang der Instrumente zu rücksichtslos wird. Mit tiefer Bestürzung erkennt der Forscher, dass diese Arten des Sicherhaltens, die er bisher, bewusst unterscheidend, den Sphären des Innen und Außen zuschrieb, im tiefsten Grunde identisch sind. Er ahnt, dass er diese Entdeckung als sein Lebensgleichnis zu verstehen hat. Der Weg über die chiffrenhafte Sinnlehre der Außenwelt zu den Urgründen des Ich enthüllt sich ihm als ein magischer Ring, der in sich selbst zurückmündet. Er schaudert kurz; und doch wirft er die Warnung beiseite: er schaltet weiter mit der Welt des Atomaren, als sei sie die legitime Fortsetzung jener Welt, die er durch Formeln zu beherrschen gelernt hat.

Aber eines Tages hilft alle Selbsttäuschung nichts mehr: er muss die Wahrheit sehen. Das Auge der alten Gorgo blickt ihn vom Ende seines Fluchtwegs her an: Erkenntnis schlug um in Schuld! Der als Parzival hinausging, kommt als Kain zurück. Der Techniker der symbolischen Logik sieht seine Hände mit Sprengstoff gefüllt. Hier liegen die Wurzeln des Dramas in unseren Tagen.