Schirmbeck Stiftung | Ärgert dich dein rechtes Auge
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Ärgert dich dein rechtes Auge

Ärgert dich dein rechtes Auge

20:36 16 November in Buchauszüge

NICHTS FÜR DAMENKRÄNZCHEN

{Ein superber Vergleich}, himmelte der Cicisbeo die Prinzessin an. „Die Formeln der Physik als Tätowierungen! Wie recht Sie damit haben! Sind doch die Hautritzungen der Primitiven ursprünglich nichts anders als magische Zeichen zur Bewältigung der Wirklichkeit, die man sich von Geistern animiert dachte. Sind denn, das frage ich Sie, die Gleichungen der modernen Wissenschaft so sehr verschieden davon? Immer, wenn ich ein Handbuch der jüngsten Physik aufschlage und diese über Hunderte von Seiten sich hinwegziehenden Ketten abstrakter Zeichen sehe, muss ich an ein Ritual aus numinösen Chiffren denken.“ „Haben Sie einmal ein Integral gelöst?“ fragte der Prinz. „Ein Integral? Nein, warum denn? Bin ich ein Mathematiker?“ – „eben. Wenn Sie es wären, dann wüssten Sie, dass, eine Gleichung mit einem numinösen Zeichen zu vergleichen, doch wohl nicht mehr sein kann als ein malerischer Schnörkel für schöngeistige Damenzirkel. Ihr Existenzialistenpapst hat Ihnen den Kopf verdreht. Er wird schließlich noch die sexualpathologische Wurzel der Hamiltonischen Quaternionen entdecken. Und die ganze Welt wird ihm für diese Entdeckung die Füße küssen. Wie heißt doch dieses Stück, über das Sie sich gerade mit Madame unterhielten? Hölle zu dritt? Wundervoll! Wenn er sich aber dahin versteigt, den in sich gekrümmten Weltraum der Einsteinchen Physik mit der Platzangst im Vorzimmer der Hölle in Beziehung zu setzen, dann mag das ein witziges Thema für Foyergespräche sein; ich für meinen Teil ziehe dann aber, selbst auf die Gefahr hin, als hoffnungslos verkalkt zu gelten, Racine und Sophokles vor. Eine Gleichung ist kein dämonischer Zauber, sondern ein schöner Kristall für Leute, die Kristalle anschauen können, ohne gleich in epileptische Visionen zu verfallen. Man hat mir angedichtet, ich hätte gesagt, Materie sei der Sündenfall des Lichtes. Ich habe mich immer davor gehütet, theologische Gesichtspunkte in die Physik einzuschmuggeln. Der Übergang von der Physik zur Metaphysik mag ein verlockendes Unternehmen sein; ich scheue davor zurück, solange mich nicht mehr dazu legitimiert als eine gewisse Schulung in der mathematischen Logik. Der Physiker sieht die Wirklichkeit als ein empirisches Phänomen, das er mathematisch beschreibt. Was Sie, Prinzessin, auf dem Theater verkörpern, ist der Versuch, diesem empirischen Phänomen einen Sinn zu geben. Darum beneide ich Sie, denn Ihr Unternehmen ist heroisch. Lassen Sie mich bei meiner viel bescheideneren Aufgabe, und glauben Sie nicht, dass die Arbeit eines Physikers etwas ist, das man dramatisch darstellen könnte. An dieser Unmöglichkeit müsste selbst ein Shakespeare scheitern.“