Schirmbeck Stiftung | Texte und Miniaturen aus „Ärgert dich dein rechtes Auge“ von Heinrich Schirmbeck
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Texte und Miniaturen aus „Ärgert dich dein rechtes Auge“ von Heinrich Schirmbeck

Texte und Miniaturen aus „Ärgert dich dein rechtes Auge“ von Heinrich Schirmbeck

15:02 23 Oktober in News

LUZIFER

„Wenn wir unserer Phantasie freien Lauf ließen, könnten wir uns vorstellen, dass am Anbeginn aller Zeiten, am Morgen nach einem göttlichen FIAT LUX, das Licht, allein auf der Welt, allmählich durch fortschreitende Verdichtung das materielle Universum so geschaffen hat, wie wir es heute dank seiner schauen dürfen. Und vielleicht wird eines Tages, wenn die Zeit sich erfüllt hat, das Universum seine ursprüngliche Reinheit wiederfinden, und sich von neuem in Licht auf lösen.“

„Ja, das habe ich geschrieben“ sagte de Barry. „Es ist eine Spekulation, aus der Betrachtung des Universums geboren. Ich verehre die Schöpfung, aber nicht wie ein Christ. Meine Andacht besteht in der Bewunderung einer Harmonie, welche Ordnung und Anarchie so herrlich in Beziehung zueinander setzt. Die Gesetze des Unendlich Großen beruhen auf dem Chaos in der Welt des Allerkleinsten. Das ist das Werk eines mathematischen Demiurgen; ich wage ihn nicht als Gott zu bezeichnen, obwohl seine Schöpfung das Siegel des Göttlichen trägt. Aber ich glaube an den Satanas; er ist für mich das Prinzip der maximalen Entropie, des Wärmetodes, der unendlichen Starre, des Nichts. Tzessar ist sein Diener. Er weiß es nicht. Er glaubt an den Fortschritt und schreibt: „Wir würden der Tradition der westlichen Zivilisation untreu, wenn wir vor der Untersuchung der Grenzen dessen zurückschreckten, was dem Menschen möglich ist.“ Dem Menschen ist vieles, fast alles möglich. Aber es ist ihm nicht auferlegt, alle Möglichkeiten zu verwirklichen. Er muß das Gute vom Bösen scheiden, das Leben vom Tod, das All vom Nichts, die Bewegung von der Entropie. Er darf nicht neue Sonnen entzünden; das bleibt dem Demiurgen vorbehalten. Vielleicht steht Tzessar im Dienste dieses Demiurgen; vielleicht ist die Zeit erfüllt, dass dieser Erdball wie eine Sonne aufglühen soll, um das Auge von Geschöpfen auf anderen Planeten zu entzücken. Ich erinnere  mich, dass Tzessar Gedichte machte. Eines von ihnen hat sich in mein Gedächtnis eingegraben:

Der Herr nimmt alle, die er schlägt und liebt

Und entführe sie von der Erde…

Es flammt ihr Herz, ihr Gehirn ist Eis,

Die Erde lacht zu ihnen herauf;

Und mitleidig streut Diamantenstaub

Die Sonne auf ihrem einsamen Lauf.“