Heinrich Schirmbeck Stiftung | Rolf Stolz über Heinrich Schirmbeck
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Rolf Stolz über Heinrich Schirmbeck

Rolf Stolz über Heinrich Schirmbeck

17:14 28 Oktober in News

Rolf Stolz, Autor und junger Mitkämpfer Schirmbecks in der Friedensbewegung

Als in den fünfziger und sechziger Jahren die Ökologie nicht nur ein fremd-, sondern geradezu ein Unwort war, hat Heinrich Schirmbeck schon vor der Hybris und der Selbstzerstörung eines technizistischen Moderne gewarnt. Als in den siebziger und achtziger Jahren die westdeutsche Linke ihre historischen Ziele teils den Rückzugsgefechten einer steril traditionalistischen Arbeiterbewegung und angeblich allein politikfähigen Anpasserei an das Regierungskalkül opferte und sich für Weltmachtspolitik einspannen ließ, als der radikale Flügel der Linken zwischen Phrasen und organisierter RAF-Kriminalität schwankte, hat Heinrich Schirmbeck unbestechlich und ohne Scheuklappen in das politische Geschehen eingegriffen. Um nur einige seiner Aktivitäten aus dem Jahr 1983 zu nennen:
Referent und Sachverständiger beim Nürnberger Tribunal gegen Erstschlag- und Massenvernichtungswaffen in Ost und West (18-20.2)
Referat auf dem Kongress „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ in Krefeld wenige Tage später, Mitglied des deutschen Beirates für die 2. Europäische Konferenz für nukleare Abrüstung im Mai in Berlin, Referat auf dem ersten deutschlandpolitischen Kongress der GRÜNEN in Köln im November 1983, Beteiligung am entschiedenen Protest gegen die Verbrechen der iranischen Mullah-Diktatur. Das Heinrich Schirmbeck dem Geist der Klassik verpflichtete aufgeklärte Romantiker und romantisch-empfindsame Aufklärer sich zwar wissbegierig und weltzugewandt allen neuen Entwicklungen gestellt hat, aber nie den Moden nachgelaufen ist und nie seine geistige Unabhängigkeit dem Schielen nach öffentlichem Beifall geopfert hat, hat ihn auf Jahre hinaus zum Außenseiter, zum Vergessenen gemacht. Aber zugleich liegt hier ein wesentlicher Grund für seine Aktualität und Modernität. Am Ende dieses Jahrhunderts und Jahrtausends zählen nur die Geister, die ihre Zeit überdauert und ihre Zukunft noch vor sich haben. (Rolf Stolz)
Dieser Beitrag ist mir wichtig, er zeigt wie aktuell Heinrich Schirmbeck zu den heutigen Tagesthemen ist. Im Verhältnis zu den USA hat sich nichts geändert. Deutschland fehlt Mut für Klarheit (Helga Schirmbeck)

OFFENER BRIEF
v. Heinrich Schirmbeck an Bundeskanzler Willy Brandt, v. 27.12. 72

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Als ehemaliger Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, aber auch als Schriftsteller, der sich in seinen Werken immer für die Verwirklichung der Menschenrechte, für Versöhnung und Frieden eingesetzt hat, erlaube ich mir Ihnen, dem ehemaligen Widerstandskämpfer und gegenwärtigen Versöhnungspolitiker, die Übersetzung einer Anklage zu schicken, die der französische Widerstandskämpfer und Schriftsteller Vercors in der Tageszeitung Le Monde v. 26. Dezember 1972 aus Protest gegen die verbrecherischen Luftkrieg der Vereinigten Staaten gegen die Zivilbevölkerung Nordvietnams unter dem Titel „guenica! Guernica! Guernica!“ veröffentlicht hat. Diese Anklage spricht für sich selbst und bedarf keines Kommentars.

Sie haben, Herr Bundeskanzler, den Friedensnobelpreis in Anerkennung Ihrer großen Verdienste um die Aussöhnung mit den von Hitler vergewaltigten Staaten Osteuropas erhalten. Was man jetzt von Ihnen erwartet, ja, schon seit langem erwartet hat, ist die regierungsoffizielle Verurteilung des amerikanischen Völkermords und den amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam, die den seinerseits von Hitler begangenen Verbrechen nicht nachstehen. Wenn Sie diesen Schritt nicht unverzüglich tun, sind Sie als Empfänger des Friedensnobelpreises in den Augen zahlreicher Menschen guten Willens unglaubwürdig. Die Regierungschefs kleinerer Staaten (ich nenne Holland, Dänemark, Norwegen und vor allem Schwedens Regierungschef Olof Palme) haben diesen Schritt angesichts der gegenwärtigen fürchterlichen Vernichtungsangriffe gegen die unschuldige Zivilbevölkerung getan. Auch Staatspräsident de Gaulle hat seinerseits die amerikanische Kriegsführung als Verbrechen an der Menschlichkeit bezeichnet. Wie lange wollen Sie noch zögern? Gerade Sie als Friedensnobelpreisträger, aber auch als Regierungschef eines Landes, das sich ehedem der gleichen Gräueltaten gegen Millionen wehrloser Menschen schuldig machte, dürfen nicht länger zurückstehen. Politische Rücksichten, Nato-Verpflichtungen etc., können und dürfen in diesem Falle keine Rolle spielen, wo es um nackte Verbrechen geht, deren Grausamkeit und Ausmaß in keinem Verhältnis mehr zu irgendeinem denkbaren Zweck oder politischen Ziel stehen. Wenn Sie jetzt nicht im Namen der Bundesregierung protestieren, laden Sie schwere Verantwortung auf sich, schwerere Verantwortung als irgendeiner von uns, die wir kaum etwas – jedenfalls publizistisch nicht – zu tun vermögen, weil unsere Stimme von den Verantwortlichen nicht gehört wird. Ihre Stimme dagegen, dieStimme des Regierungschefs eines des stärksten Verbündeten der USA und zugleich die Stimme eines weltbekannten und in der Welt geachteten Friedensnobelpreisträgers, würde vernommen und nicht ohne Wirkung in den USA bleiben.

Die Demokratie verbürgt uns kleinen Wahlbürgern nur unsere individuelle Wahlstimme, alle vier Jahre. Die Freiheit der Meinungsäußerung, die uns formal verbleibt, kann in der Praxis nur von den Prominenten und den Inhabern von Medien-Macht genutzt werden. Dazu gehören in vorderster Linie SIE. Wenn ich als Schriftsteller über die gleich publizistische Meinungs-Potenz verfügte, wie z.B. Ihr von mir erehrter politischer Gesinnungsfreund Heinrich Böll, würde ich sie in der Sache der amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam ganz anders nutzen und einsetzen.
Aber nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch die politische Klugheit und Voraussicht müssten Ihnen die Verurteilung dieses fürchterlichen Genom- und Ökozids gebieten. Denn wenn schon die vergleichsweise geringen wirtschaftlichen Interessen und Investitionen, die das amerikanische Kapital in Vietnam verteidigen zu müssen glaubt, eine solche mörderische Bombenlast auf ein Volk niederregen lässt, was hätte dann wohl erst die mit dem amerikanischen Kapital so eng verflochtenen Bundesrepublik an infernalischen Vergeltungsbombardements zu befürchten, wenn es ihr eines Tages einfallen sollte, der Vasallentreue zu kündigen, um ihren eigenen Interessen zu dienen?

Wozu die USA in einem solchen Fall fähig sind, dafür ist Vietnam ein flagrantes Beispiel. Eine solche Möglichkeit sei unwahrscheinlich, ja absurd, meinen Sie?
Bei Machtbesessenen vom Schlage eines Hitler oder Nixon und seiner Pentagon-Strategen, die sich im Besitze der Weltherrschaft wähnen und mit Vernichtungsbomben alle politischen und menschlichen Probleme lösen zu können glauben, ist kein noch so verabscheuungswürdiges und unsinniges Verbrechen unmöglich. Diese Tage beweisen es. Deshalb: principes obstat!

Ich fordere Sie auf, jetzt diesen Schritt als Regierungschef eines Staates zu tun, der sich zu den Grundsätzen der Vereinten Nationen, zum Selbstbestimmungsrecht der Völker, zur Nicht-Gewaltanwendung, zur Humanität und Achtung des Menschenlebens bekennt. Sie sind es Ihrer inneren Aufrichtigkeit als Friedensnobelpreisträger schuldig, diese Auszeichnung zurückzugeben, wenn Sie ein Mitglied jener „schweigenden Mehrheit“ bleiben wollen und die sich zumindest der stillen Komplizenschaft schuldig macht.