Schirmbeck Stiftung | Interview von Artur Rümmler mit Heinrich Schirmbeck veröffentlicht von Rolf Stolz in dem Sammelband „Der Grenzgänger“ Band 2
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Interview von Artur Rümmler mit Heinrich Schirmbeck veröffentlicht von Rolf Stolz in dem Sammelband „Der Grenzgänger“ Band 2

Interview von Artur Rümmler mit Heinrich Schirmbeck veröffentlicht von Rolf Stolz in dem Sammelband „Der Grenzgänger“ Band 2

20:38 27 August in News

Interview von Artur Rümmler mit Heinrich Schirmbeck

 Veröffentlicht in dem Sammelband „Der Grenzgänger“ Band 2

Herausgeber Rolf Stolz

 

A.R.: Sie haben bereits 1966 bevor es in der BRD eine ökologische Bewegung gab, in ihrem Essayband „Ihr werdet sein wie Götter“ ökologische Fragestellungen behandelt und vor der Umweltzerstörung gewarnt. Welche Rolle spielt die Ökologie in Ihren Veröffentlichungen?

 H..Sch.: Der von Ihnen erwähnte Essayband erschien 1966, aber ich muss dazu sagen, dass in ihm Arbeiten und Studien enthalten sind, die ich schon viele Jahre vorher veröffentlicht hatte, d.h. dass ich mich bereits in den fünfziger Jahren mit ökologischen Themen beschäftigt habe. Zum Teil während meiner Zeit als Redakteur ei der Schwäbischen Zeitung“, zum Teil auch als Mitarbeiter bei Zeitschriften. Also lange, bevor die ökologische Frage in Deutschland und in den Industrienationen durch den berühmten Bericht des Club of Rome, „Die Grenzen des Wachstums“, dann relevant und akut wurde. Habe ich die ökologischen fragen in mein literarisches Werk einbezogen, insbesondere in mein wissenschaftliches Werk und nicht so sehr in mein dichterisches Werk. Aber auch mein Roman von 1957, „Ärgert dich dein rechtes Auge“, der ja die fiktive Biographie eines Atomwissenschaftlers darstellt, enthält schon diese ökologischen fragen in Verbindung mit der sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie und ist überhaupt in der Weltliteratur der erste und nach meinem Dafürhalten bisher auch der einzige Roman geblieben, der die Frage der militärischen und friedlichen Nutzung der Atomenergie und ihrer Folgen für den Weltfrieden und für die Welt-Ökologie behandelt hat.

   Die Ökologie spielte in meinem dichterischen Werk insofern seit den Anfängen eine besondere Rolle, als mich das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, zur Erde, des Menschen als eines Geschöpfes dieser Erde immer besonders interessiert hat und ich mich manchmal sogar im meinen frühen Novellen, die in den vierziger Jahren erschienen sind, auf die romantische Naturphilosophie der Deutschen zu Anfang des 19. Jahrhunderts bezogen habe.

 A.R.: Sie verkörpern eine Art von Schriftsteller, die hierzulande selten ist, nämlich den enzyklopädisch gebildeten, den gelehrten Erzähler, der die Herausforderung der modernen Naturwissenschaft, speziell, der Atomphysik, an die Literatur annimmt. Wie verbinden Sie Wissenschaft und Dichtung?

 H.Sch.: Seit Beginn meiner schriftstellerischen und dichterischen Tätigkeit hat mich die Frage bewegt, wie dasjenige Phänomen der modernen Welt, das unser menschliches, mitmenschliches und gesellschaftliches Leben von Grund auf verändert hat, nämlich die Wissenschaft, besonders die Naturwissenschaft in Verbindung mit ihrer Anwendung, der Technik, wie dieses Phänomen, das ich für von allergrößter Wichtigkeit für die Gestaltung des menschlichen Lebens -, wie dieses Phänomen also in die Dichtung zu integrieren sei.

   Ich hatte immer das Gefühl, dass dieses Problem von der modernen Dichtung überhaupt nicht genügend beachtet worden ist.

   Denkt man zum Beispiel an den antiken Dichter Lukrez, der ja versucht hat, die antike Atomtheorie eines Leukippos in die dichterische Vision zu erheben und ein Dichtwerk daraus zu machen, oder denkt man zum Beispiel an Dante, der in seiner „Göttlichen Komödie“, den grandiosen Versuch unternommen hat, das damals existierende Weltbild, das ptolemäische Weltbild, in dichterische Strukturen zu übersetzen; oder denken wir an Johann Wolfgang on Goethe, an seine Farbenlehre, die ja zum Teil dichterisch geschrieben ist oder an seinen Roman „Die Wahlverwandtschaften“, wo er versucht hat, das Symbol der chemischen Wahlverwandtschaften ins Menschliche, Gesellschaftliche, Psychologische zu übersetzen; oder denkt man an Emile Zola, der die damalige gesamte wissenschaftliche Welt und Technik in sein großes Romanwerk „Les Rougon-Macquarts“ hineingenommen hat, – dann muß man eigentlich sagen, dass die sogenannte Moderne, die sich immer mit ihrer Modernität aufgespielt hat, in dem Sinne völlig unmodern geworden ist, als sie, als die Wissenschaften begannen, sich zu spezialisieren und zu abstrahieren, von den Wissenschaften Abstand genommen hat und überhaupt nicht mehr den Versuch unternommen hat, sie in die moderne Literatur zu integrieren.

   Und dieser Diskrepanz bin ich mir mit den Jahren immer mehr bewusst geworden, und schließlich musste ich einfach den Versuch machen, die moderne Physik, besonders die moderne Atomphysik, in ein dichterisches Gebilde umzusetzen, und ich möchte fast glauben, dass mir dieser Versuch in meinem Roman „Ärgert dich dein rechtes Auge“ gelungen ist, der ja ach ins Französische, Amerikanische, Englische und Spanische übersetzt worden ist und im Ausland bezeichnenderweise eine viel größere Wirkung gehabt hat als in Deutschland.

     Den zweiten Versuch habe ich gemacht in meinem Russland-Roman „Der junge Leutnant Nikolai“ von 1958, der sich mit der sogenannten nichteuklidische Geometrie beschäftigt. Die nichteuklidische Geometrie wurde von dem russischen Mathematiker Lobatschewski 1825 entwickelt, in demselben Jahr, in dem sogenannten Dekabriesteenaufstand nach dem Tode des Zaren Alexander I. stattfand, und dies beiden Ereignisse habe ich versucht in eine wissenschaftsphilosophische Verbindung miteinander zu bringen.

   Das ist der zweite große Versuch, ganz abgesehen von meinen Erzählungen, in denen ich immer wieder versucht habe, naturphilosophische Themen, aber auch atomphysikalische Themen zu gestalten. Ein Beispiel ist meine Novelle „Die Pirouette des Elektrons“, die ja auch den Titel für meinen letzten Erzählband abgegeben hat,

 A.R.: Sie haben 1970 einen Essay veröffentlicht mit dem Titel „Die moderne Literatur und die Erziehung zum Frieden“. Was kann Ihre Literatur, was kann heute die Literatur überhaupt zum Frieden beitragen?

 H.Sch.: Vielleicht darf ich im Zusammenhang mit Ihrer Frage noch erwähnen, dass dieser 1970 im Verlag der Wissenschaften und der Literatur veröffentlichte Essay nicht die einzige Arbeit geblieben ist, die ich zum Thema Frieden geschrieben habe. In den letzten Jahren habe ich mich besonders in der Friedenspolitik der alternativen Gruppen und der Grünen engagiert und bin da ebenfalls durch einige Studien und Essays hervorgetreten. Meine Studie über die Logik der atomaren Abschreckung unter dem Gesichtswinkel des sogenannten Nachrüstungsbeschlusses ist in der Hamburger Zeitschrift „Neue Politik“ in zwei Fortsetzungen veröffentlicht worden und hat einige Diskussionen auch in Regierungskreisen hervorgerufen. Dann habe ich einen Appell herausgegeben „Atomares Vetorecht für die Deutschen“, der von der Bürgerinitiative „Frieden und Neutralität“ in Oberhausen den Bundestagsabgeordneten zugestellt worden ist.

   Aber meine Beiträge zur Friedensproblematik betreffen nicht nur die Friedenspolitik, sondern auch die Ökologie. Ich sehe Frieden und Ökologie in einem untrennbaren Zusammenhang und habe zu diesem Zweck über die Energiewirtschaft der Zukunft geschrieben. Diejenige Form der Energiewirtschaft, die uns wahrscheinlich als letzte Lösung übrigbleiben wird, nämlich die sogenannte „solar-hydrogeneconomy“ entwickelt von dem amerikanischen Energieforscher John Bockris von der University of Texas und dem deutschen Energie-Forscher Prof. Justi von der TH Braunschweig.

   Über das, was die moderne Literatur zum Frieden beitragen kann, habe ich mich dann ja in meinem vorhin erwähnten Essay von 1970 geäußert. Das Grundkonzept meiner Theorie könnte ich vielleicht so ausdrücken. Die moderne Literatur hat es versäumt, einen gewichtigen Beitrag zur Friedenserziehung zu leisten, indem es ihr im Grunde genommen immer nur darauf angekommen ist, die Faszination der Aggressivität, die Faszination des Kriminellen, des Bösen darzustellen, weil sie sich eben von dieser Faszination größere publizistische Erfolge und Effekte versprochen hat, als etwa von einer Literatur im Sinne eines Jean-Jacques Rousseau, der in seinem Buch „Emile oder über die Erziehung“ ein Beispiel für Friedenspädagogik gegeben hat, das neben den Schriften Pestalozzis einzigartig in der Weltliteratur dasteht.

   Und ich meine an dieser Aufgabe sind unsere modernen Autoren vorüber gegangen, verständlicherweise, weil es natürlich viel schwieriger ist, soziale Verhaltensweisen, die dem Frieden unter den Mitmenschen, aber auch unter den Völkern dienen, so darzustellen, dass der Leser sie gewissermaßen wie einen Krimi lesen kann.

Die Darstellung dessen, was Plato in seiner Staatsphilosophie das Gute, das Ethisch-Normative genannt hat, das ist eben nach meiner Ansicht in der modernen Literatur zu kurz gekommen. Die Aufgabe des modernen Romanciers sollte eben gerade darin bestehen, Szenerien und menschliche Verhaltensformen zu beschreiben und zu entwickeln, die als Vorbilder für unser alltägliches soziales Verhalten, aber auch für unser friedenspolitisches Engagement dienen könnten.

 A.R.: Sie sind aktiv in der Friedensbewegung, in Darmstadt wie auch bundesweit. Was sehen Sie als die nächsten Aufgaben der Friedensbewegung in Darmstadt und der BRD?

 H.Sch.: In der Darmstädter Friedensbewegung bin ich seit etwa 1 Jahr aktiv. Wir sind seinerzeit ausgegangen vom Krefelder Appell, der sich gegen die Stationierung neuer amerikanischen Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik wendet und der inzwischen von fast zweieinhalb Millionen Bürgern unterschrieben worden ist.

   Mit einigen Initiationen des Krefelder Appells verbindet mich eine persönliche Freundschaft, mit Gösta von Uexküll, mit Petra Kelly, mit Josef Weber, dem eigentlichen Organisator, und mit General Bastian.

   Wir wollen in der Darmstädter Friedensbewegung keine bloßen Zuhälter des Krefelder Appells sein, sondern etwas Eigenständiges daraus machen und haben ihn deshalb nur als Grundlage benutzt, um darauf unsere ortsansässigen Aktivitäten aufzubauen, die inzwischen soweit gediehen sind, dass wir Stadtteilgruppen gebildet haben, die sich in bestimmten Lokalitäten treffen, um dort die Aktivitäten der nächsten Zeit zu besprechen. Auf der anderen Seite haben wir einen zentralen Versammlungsort, das ist die Katholische Hochschulgemeinde in der Nieder-Ramstädter Straße.

   Wir haben inzwischen einige Veranstaltungen arrangiert, eine im Luisencenter, eine weitere in der Orangerie, die von etwa sieben- bis neunhundert Bürgern besucht worden ist. Unsere nächste Aktivität ist die Teilnahme am Ostermarsch, und weitere Zukunftsziele sind die Erkundung von Atomwaffenlagerstätten im hessischen Raum und die Organisierung von Märschen dorthin.

   Die Kundgebungen sollen die Sensibilität der Bürgerschaft für die Friedensproblematik wecken, aber damit ist unserer Ansicht nach nicht getan. Dieses Stadium der Sensibilisierung ist gewissermaßen nur das erste Stadium, das wahrscheinlich nicht die bereits gefassten Beschlüsse unserer Politiker in bezug auf die sogenannte Nachrüstung umwerfen kann.

Das zweite Stadium wird deshalb darin bestehen, dass man sich Gedanken darüber macht, wie man die Politiker dazu bringen kann, den Volkswillen, der sich gegen die amerikanischen Mittelstreckenraketen richtet, zu respektieren.

Es ist dann einfach unsere Pflicht, durch Willenskundgebungen die Politiker, die wir gewählt haben, dahin zu bringen, dass sie unseren Willen auch durchführen. Wie das zu bewerkstelligen ist, darüber sind die Vorstellungen noch sehr unterschiedlich: passiver Widerstand, aktiver Widerstand, totale Versagung, Streiks, Hungerstreiks, Aufmärsche, Massen-Demonstrationen.

   In einer Studie haben Juristen festgestellt, dass die sogenannte Nachrüstung gegen das Grundgesetz verstößt. Wir müssen uns auf die Grundrechte berufen, um unseren Willen zum Überleben und zum Frieden durchzusetzen.