Schirmbeck Stiftung | Umrisse einer Weltsicherheitsgemeinschaft (1984)
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Umrisse einer Weltsicherheitsgemeinschaft (1984)

Umrisse einer Weltsicherheitsgemeinschaft (1984)

23:54 08 Dezember in Allgemein

Ausschnitt aus dem 1984 gesendeten Rundfunk-Essay

 

Die immer extensivere und intensivere Wechselbeziehung zwischen Nationalstaat und Krieg, von der Einführung des Dampfmotors Ende des 18. Jahrhunderts bis zu unserem Plutonium-Zeitalter, hat die entscheidenden Faktoren zum Aufschwung des Industriesystems begünstigt: große Absatzmärkte, gesicherte massive Verkäufe an die nationalen Armeen, beschleunigtes Investitionswachstum, Konditionierung der Masseninstinkte im Hinblick auf die Steigerung des Konsums und die Verteidigung“ dieser Konsum-Zivilisationsgüter durch Rüstung und Militär.

Es kann sich nicht darum handeln, dieses System von  heute auf morgen zu stürzen. Sein Zusammenbruch würde zunächst das Chaos bedeuten, da es außerhalb des Systems keine Aufnahmestrukturen für die Alternativen gibt. Es geht eher darum, die neuen Strukturen auf regional-nachbarschaftlicher Basis langsam. In unermüdlicher Kleinarbeit, im ständigen Kontakt mit dem Nächsten in Haus, Familie, Gruppe, Gemeinde, Betrieb, Schule, Ortsverein usw. zu erproben, damit sie einsatzfähig sind, wenn das System eines Tages abgewirtschaftet hat, weil die Ressourcen ausgehen, das Wachstum stockt, die Absatzmärkte schrumpfen, Arbeitslosigkeit und Inflation anschwellen und die Rüstungslasten untragbar werden, kurz: wenn der Industrierealismus, der, wie die Einsichtigen seit einiger Zeit wissen, nur eine kurzlebige Raub- und Ausbeutungsperiode af diesem Planeten sein kann und konnte, in den letzten Zügen liegt.

Dann muss die neue Aufnahmestruktur, müssen die Prinzipien einer neuen Energiewirtschaft, etwa eine dezentrale Sonnen-Wasserstoff-Wirtschaft, wie sie die Energiewissenschaftler John O. Bockiris und Eduard Justi bereits im realisierbaren exakten Modell ausgearbeitet haben: überschaubare Produktionseinheiten, eine dynamische Kreislaufwirtschaft, das Recycling der Rohstoffe, eine Verkehrsreform vom Auto weg zum öffentlichen Nah- und Fernverkehr, Selbstgestaltung der Produktionsabläufe auf basisdemokratischer Grundlage usw., dann müssen alle diese neuen Strukturen eines menschen-

maßgerechten Wirtschafts- und Soziallebens in bereits praktisch auf regional-kommunaler Basis ausprobierten Keimzellen bereitstehen. Anders ist die große Wandlung kaum vorzustellen.

An dieser Stelle vielleicht noch ein kurzer Blick auf eine neue Konzeption des sogenannten Bruttosozialproduktes. Seine Höhe, die Menge also der materiellen, handwerklichen, industriellen und landwirtschaftlichen Produkte, aber auch die sozialen Dienstleistungen, wie Verwaltung, Verkehr, Justiz, Medizin, Finanzen etc., gilt als Maßstab des individuellen und sozialen Wohlbefindens. Aber der Beweis, dass die Gesellschaft mit dem höchsten Bruttosozialprodukt auch die glücklichste Gesellschaft ist, ist angesichts der steigenden Krebs- und Selbstmordrate, der Unsicherheit, der Angst, der wachsenden Kriminalität, des Terrors etc. immer schwerer zu führen.

Vielleicht sollte man deshalb den Begriff des Bruttosozialproduktes BSP durch den des Bruttosozialglückes BSG ersetzen. Bruttosozialglück entsteht, wenn jeder Bürger in dem Sinne glücklich wird, dass er sich in einem inneren Einklang mit dem von ihm geführten Leben befindet.

Ich denke in diesem Zusammenhang etwa an das Problem der strukturellen, durch Automatisierung, Rationalisierung und Mikroelektronisierung beschleunigt wachsender Arbeitslosigkeit. Es könnte gelöst werden, wenn wir zu einer Neudefinition des BSP im Sinne des BSG kämen. Die bisherige Auffassung geht davon aus, dass Arbeitsplätze nur dann wirklich produktiv sind, wenn sie entweder materielle Verbrauchsgüter schaffen oder Abgeltbahre soziale Leistungen erbringen.

Arbeitsplätze dagegen in den ökologischen Beeichen werden bisher, wenn sich auch, sogar bei den Machthabern und Profitmanagern, ein allmählicher Wandel des Denkens vollzieht, mehr als Kostenfaktoren angesehen, die, die Volkswirtschaft belasten. Aus der Perspektive des BSG betrachtet, ist eine solche Sichtweise jedoch blanker Unsinn, denn reines Wasser, saubere Luft, sauerstoffproduzierende Wälder, eine unvergiftete Pflanzen- und Tierwelt, das sind doch keine Kostenfaktoren, sondern die eigentlichen Produkte der Natur, von denen wir alle leben und auf deren Grundlage unsere Produktionsfähigkeit erst gedeiht und die bisher nur deshalb nicht als die grundlegenden Aktivposten in die nationalökonomische Bilanz eingegangen sind, weil der national-ökonomische Eigentums Begriff nicht eindeutig auf sie anwendbar ist. Sie sind Gemeineigentum, gehören also zu jener Geobiologischen Kategorie, die man in der antiken und mittelalterlichen Wirtschaft als die „Allmende“ bezeichnete. Die Tragik dieser Allmende besteht darin, dass niemand, am allerwenigsten die Profitkonzerne, sich für ihre Pflege und Reinhaltung verantwortlich fühlt. Jeder lädt seinen Schmutz und sein Gift dort ab, in der egoistischen Kalkulation, dass der dadurch erzielte private Nutzen den von ihm in Kauf zu nehmenden allgemeinen Schaden hundert- oder tausendfach aufwiegt.

Nichtsdestoweniger sind der Gaben der Allmende nicht weniger Produkte als jene Gaben, die wir Essen und Trinken unser Leben erhalten und die wir durch Arbeit erzeugen müssen. Arbeitsplätze, die diese gemeineigenen Güter erzeugen, sind also, auch national-ökonomisch gesehen, mindestens genauso notwendig wie die Arbeitsplätze der konventionellen Güter- und Sozialleistungs-Produktion.

Zu diesen Produktionsgütern gehört auch der Friede. Er erst ist ja die Voraussetzung aller anderen Güterproduktion. Er gehört zu der Perversionen und Ungeheuerlichkeiten der geläufigen Wirtschaftstheorie des Industriezeitalters, dass die Produkte der Rüstungs-Industrie, die im Frieden keinen anderen Zweck und Sinn haben als auf ihre Verschrottung, die bereits in ihre Produktion einkalkuliert ist, zu warten, weil sie in der sich immer schneller drehenden Rüstungsspirale bereits bei ihrer Fertigstellung veraltert sind, und die im Kriege der Massenzerstörung dienen, dennoch als Faktor in das BSP eingehen. Im System des Bruttosozialglücks wäre das nicht mehr der Fall. Da ist der Friede gewissermaßen das fundamentale Produktionsgut, auf dessen Grundlage alle anderen erst ihren Sinn und Nutzwert gewinnen.

Friede als Produktionsgut: eine Sicht, die sogar hartgesottene Rüstungs-Monopolkapitalisten beflügeln könnte, endlich die Produktion auf das einzig positive und auf absehbare Dauer rentable Produktionsgut umzuschalten.

Friede als Produktionsgut: ein Antrieb, eine unvergleichbare Motivation für schöpferische Kreativität auf allen Lebensgebieten. Wenn der Friede das allen gemeinsame Produktionsgut ist, könnte er allen Nationalwirtschaften als erstrebenswertes Produktionsziel dienen, das zugleich den Vorteil hätte, dass der lästige und konfliktträchtige Konkurrenzdruck zwischen den einzelnen nationalstaatlichen Volkswirtschaften – ich nenne nur das Konkurrenzdreieck Japan-USA-Westeuropa – wegfiele, denn wer Frieden produziert, ermöglicht damit auch dem anderen, Frieden zu produzieren. Das wäre dann der andere, der wirtschaftliche Aspekt der internationalen Sicherheitsgemeinschaft!