Heinrich Schirmbeck Stiftung | Heinrich Schirmbeck: „Der Dichter und das Diskontinuum“ (Die Formel und die Sinnlichkeit)
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Heinrich Schirmbeck: „Der Dichter und das Diskontinuum“ (Die Formel und die Sinnlichkeit)

Heinrich Schirmbeck: „Der Dichter und das Diskontinuum“ (Die Formel und die Sinnlichkeit)

18:45 14 Juli in News

Alban Nikolai Herbst schrieb in seinem Blog über die Fußball-Weltmeisterschaft: „Am Ende fallen Tränen aus Titan“ Götze im Kyffhäuser.
In Erinnerung an Heinrich Schirmbeck zu diesem Thema ein Ausschnitt aus dem Rundfunkessay: „Der Dichter und das Diskontinuum“ (Die Formel und die Sinnlichkeit)

Das Zeitalter der Masse ist das Zeitalter ohne Liebe, weil es das Zeitalter des Vermischten, des Undeutlichen, des Amorphen ist. Die Dinge sind deshalb gestaltlos geworden, weil sie potentiell atomisiert sind. Eine bloße Zusammenballung von Atomen ist immer amorph, gestaltlos; was eigentlich gestaltet sein sollte, tritt uns aber nur deshalb als Amorphes entgegen, weil wir selber bereits atomisierte Masse sind. Das ist eine der geheimen Entsprechungen unserer Zeit, jener magisch diabolischen [correspondences], die Baudelaire durch die esoterischen Seinsbezüge seiner Poesie nachempfunden hat. Die psychisch bestimmte und verbundene Menschenmasse hat es schon immer gegeben und sie ist ein fast idyllisches Phänomen gegenüber jener Art on Masse, wie sie erst in unserer Zeit aufgetreten ist: der physikalischen, in ihrer organischen Gliederung bereits gestorbenen Menschenmasse. Pascal sagte einmal: „Alles Elend des Menschen rührt daher, dass er nicht imstande ist, mit sich allein in einem Zimmer zu sein“. Als Pascal lebte gab es noch kein Massenproblem im soziologischen Sinne. Es gab aber wohl das Problem der existentiellen Einsamkeit. Es war ein eminent anthropologisches Problem, und Pascal mochte durchaus das prophetische Gefühl haben, dass aus der Nichtbewältigung dieses Problems eines Tages schreckliche Konsequenzen für den Menschen hervorgehen würden. Denn der Mathematiker und Erfinder der Wahrscheinlichkeitsrechnung, d.h. der Statistik, Blaise Pascal wusste ganz genau, dass man die Statistik nicht nur auf physikalische Moleküle und Atome anwenden kann, sondern ebenso gut auf die Atome, aus denen die Gesellschaft besteht: die Menschen. Allerdings wusste er auch, dass das menschliche Atom zugleich ein Mikrokosmos ist, was die Rechnung bedeutend komplizierter macht. Die Paradoxie, in deren Schatten heute die meisten Menschen leben, besteht darin, dass der Mensch zwar ebenso wenig wie früher imstande ist, mit sich allein in den vier Wänden eines Zimmers zu sein, dass ihm andererseits aber auch viel seltener als früher ein Zimmer zur Verfügung steht, um darin seine existentielle Einsamkeit zu fühlen.. Die Einsamkeit des Menschenmenschen spielt sich inmitten der Menge ab; sie erhebt ihr Medusenhaupt mit Vorliebe im Getümmel der Freizeitindustrie. Das darf nicht nur vom technischen Literaturstandpunkt her verstanden werden: vor allem moralisch und poetisch. Wo aber ist der Dichter, der die Sprache des Atoms verstünde, wie der Held des Märchens die Sprache der Vögel; der das Atom zum Sprechen brächte und in kommunizierender Wechselrede den Einsamen aus dem Turm seines anarchischen Selbst lockt, bis ihm im jauchzenden Reigen der Atome die Musik von der Geburt einer neuen Welt erklingt?