Heinrich Schirmbeck Stiftung | Das Schöne in einer entsinnlichten Welt
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Das Schöne in einer entsinnlichten Welt

Das Schöne in einer entsinnlichten Welt

18:55 05 November in Forschung

Der moderne Physiker will die Welt nicht erklären. Er begnügt sich mit der Möglichkeit, die Äquivalenz des Gegensätzlichen mathematisch auszudrücken und in die widerspruchsfreie Architektonik eines Systems von Gleichungen zu bannen, Das eine solche Architektonik in enge Beziehungen zum Ästhetischen tritt, ist nicht weiter wunderlich. Ihren bedeutendsten  Ausdruck fand die Identität von mathematischer Bündigkeit und ästhetischer Harmonie im Werk Albert Einsteins. In ihm wurde Physik zum Kunstwerk. Er wollte alles physikalische Geschehen, den Makrokosmos der Sternenwelten und den Mikrokosmos der Atome aus wenigen Gleichungen, den Feldgleichungen eines universellen Raum-Zeit-Kontinuums ableiten. Dieses System sollte Newtons Gesetz der Massenanziehung ebenso umfassen wie Maxwells elektro-magnetische Feldgleichungen. Der Begriff der Kraft löste sich auf in der mathematischen Raumstruktur des Feldes.

Einstein geometrisierte die Physik. Seine Theorie eines zwar endlichen, aber unbegrenzten, gekrümmten Weltraums faszinierte Gebildete und Ungebildete. Die Sehnsucht nach mathematischer Einheitlichkeit des Weltbilds fand in ihm die triumphalste  Erfüllung. Sein System nahm es an Schönheit und Vollkommenheit mit jedem Kunstwerk auf. Diese künstlerische Triebkraft, die Entpersönlichung im Dienste vollkommener Naturerkenntnis entspringen einem tiefen Verlangen nach Synthese. Die Mystiker wollten dasselbe, wenn sie alle Erscheinung, alle physikalische Vielfalt auf einen gemeinsamen Urgrund zurückführten, den sie Gott nannten.

Als Einstein eines Tages von dem großen Physiker Niels Bohr sprach, [dem Mann  mit dem einzigartigen Instinkt und Feingefühl], empfand er es wie ein Wunder, dass dieser Instinkt ihn in den Stand setzten, die wichtigsten Gesetze der Spektrallinien und der Elektronenhüllen der Atome nebst deren Bedeutung für die Chemie aufzufinden. Er fasste seine Bewunderung in dem Satz zusammen, der auch für ihn selbst gelten kann: „Das ist die höchste Musikalität auf dem Gebiet des Denkens.“ Der Drang zu dieser höchsten [Musikalität] verführte Einstein zu einem folgeschweren Irrtum, der Gleichsetzung von wissenschaftlicher und ethischer Axiomatik. Nach seiner Überzeugung steht der Vorgang der forschenden Intuition, diese geheimnisvolle Schwelle, wo aus dem passiven Empfang von Sinneseindrücken durch die spontan-unkerklärliche Verwebung mit einem frei geschaffenen System von Elementarbegriffen und Axiomen die eigentliche physikalische ²Wirklichkeit“ entsteht, ebenbürtig neben der Schöpfung des sittlichen Bewusstseins, das aus dem Chaos der Triebe und Verhaltensmöglichkeiten die Ordnung der ethischen Welt gebiert.

Albert Einstein sagt selbst: „Der sittliche Genius, der sich in erleuchteten Persönlichkeiten verkörpert, hat das Vorrecht, ethische Axiome von solcher Weite und Tiefe aufzustellen, dass die Menschen sie als Bestätigung ihrer zahllosen persönlichen Gefühlsergebnisse anerkennen. Ethische Axiome werden nicht viel anders als die Axiome der Naturwissenschaft gefunden und geprüft; was die Prüfung der Erfahrung besteht, ist wahr.“

Dieser Ausspruch, soviel Ehre es dem Moralisten Einstein macht, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein bestürzender Grad denkerischer Abstraktion und Entsinnlichung erreicht ist. Es erscheint äußerst fragwürdig, konkrete Elemente des psychischen Erlebens, zum Beispiel die Moralbegriffe, rein formalistisch aufzufassen, d. h. sie wie ein willkürlich gewähltes Axiomeinsystem der Mathematik zu behandeln. Diese Tendenz zur Mathematisierung des Denkens, des Denkens auch über konkrete Phänomene der Welterfahrung, hat in Einstein zu ihrem höchsten Triumph, aber auch zu ihrem tiefsten Sündenfall geführt. Der Mensch ist keine mathematische Formel. An ihm zerschellt alle Eleganz des logischen Denkens.

Die ästhetische Brillanz des mathematisch-wissenschaftlichen Weltbildes wurde um einen teuren Preis erkauft; den der Spaltung der Wirklichkeit.