Heinrich Schirmbeck Stiftung | Heinrich Schirmbeck 23. Februar 2005
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Heinrich Schirmbeck 23. Februar 2005

Heinrich Schirmbeck 23. Februar 2005

19:17 08 Februar in News

Ausschnitt aus der Würdigung für Heinrich Schirmbeck von Gerald Funk.

Es mag an dieser völlig uneitlen Seite Schirmbecks gelegen haben – zumindest hat sie die Entscheidung wohl erleichtert -, dass er seine Karriere als Autor seit Ende der sechziger Jahre, in denen mit „Die Forme und die Sinnlichkeit“ und „Ihr werdet sein wie Götter“ noch zwei äußerst erfolgreiche Essaybände erschienen, eher zurückstellte, um sich anderen als literarischen Fragen zu widmen. Er war jetzt an einen Punkt angelangt, an dem es für ihn Wichtigeres gab als die Literatur, und das war die Verantwortung für den Fortbestand unseres blauen Planeten, der unter Krieg, atomarer Bedrohung, Umweltzerstörung für jeden ersichtlich litt und stöhnte.

Schirmbeck war nie ein unpolitischer Autor gewesen, aber jetzt rückten die sozial-ethisch und politisch relevanten Fragen in das Zentrum seines Schreibens. Annähernd die gesamte zweite Hälfte seines Lebens wurde im wesentlichen von seinem sozialen und politischen Engagement bestimmt. Diese im weitesten Sinn einer „Erziehung des Menschengeschlechts“ verpflichtete Arbeit hat ihm allerdings nicht nur Freunde verschafft. Doch das hat er in Kauf genommen. Er wurde nicht müde, den Anspruch des Lebens an den Geist zu formulieren und diesen – nicht nur literarisch – auf das Gute zu verpflichten; immer aber auch hier auf einem Niveau, das die Probleme nicht vorschnell vereinfacht und das Gegensätzliches nicht selten als voneinander abhängig erkennt.

Schirmbecks gesamtes Werk, von den Erzählungen über die beiden Romane bis hin zu den Essays, gewinnt letztlich mit dem Versuch eines solchen Brückenschlags, einer Vernetzung – um ein aktuelles Modewort zu gebrauchen – auch zwischen Literatur und Wissenschaft, Abstraktion und konkreter Lebenswirklichkeit seine besondere Qualität, eine Qualität, die leider nicht die breite Anerkennung finden konnte, die einem Autor auf Dauer das tägliche Brot sichert. Hier werden die kommenden Generationen, dessen bin ich gewiss, eine Schuld abzutragen haben, wobei ich nicht weiß, ob unserem Jubilar das heute Genugtuung verschaffen kann.

Schon Robert Musil hat vor mehr als siebzig Jahre in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von den „zwei Geistesverfassungen“ gesprochen, die sich nicht  nur bekämpfen, sondern sich zuweilen gar wechselseitig ihrer Wertschätzung versicherten, doch keine Verbindung mehr zueinander hielten. „Die eine“, so schreibt Musil in seiner unnachahmlichen Art, „begnügt sich damit, genau zu sein, und hält sich an die Tatsachen; die andere begnügt sich nicht damit, sondern schaut immer auf das Ganze und leitet ihre Erkenntnis von sogenannten ewigen und großen Wahrheiten her. Die eine gewinnt dabei an Erfolg, und die andere an Umfang und Würde. Es ist klar, dass ein Pessimist auch sagen könnte, die Ergebnisse der einen seien nichts wert und die der anderen nicht wahr. Denn was fängt man am jüngsten Tag, wenn die menschlichen Werke gewogen werden, mit drei Abhandlungen über die Ameisensäure an, und wenn es ihrer dreißig wären? Andererseits, was weiß man am jüngsten Tag, wenn man nicht einmal weiß, was alles bis dahin aus der Ameisensäure werden kann?!“

Doch ging es in den folgenden Jahrzehnten – leider muss man wohl sagen – nicht nur um das, was aus der Ameisensäure werden konnte, sondern um eine Revolution in den Wissenschaften, wie es sie zuvor vermutlich noch nie gegeben hatte, es ging um das, was Quantenphysik und Genetik und in ihrem Gefolge die Atom- und Gentechnik aus dem Menschen, aus seiner Umwelt machen können. Dem jüngsten Tag sind wir damit möglicherweise einen Schritt nähergekommen.

Und davon, aber auch von der Faszination des Wissens hat sehr früh, das ist meine feste Überzeugung, nur ein deutschsprachiger Autor von Rang wirklich Kunde gegeben, und das ist unser Jubilar. Sein Werk – ich habe davon schon mehrfach an anderer Stelle gesprochen – gewinnt seinen Ethos aus der christlich-humanistischen Tradition des Abendlandes, seinen ästhetischen Eros  allerdings nicht selten auch aus dem, was die modernen Wissenschaften dieser Tradition zumuteten. Das macht es so aktuell wie nie zuvor.

Danke!