Schirmbeck Stiftung | „Friede und alternative Gesellschaft“ Heinrich Schirmbeck 1984
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„Friede und alternative Gesellschaft“ Heinrich Schirmbeck 1984

„Friede und alternative Gesellschaft“ Heinrich Schirmbeck 1984

19:10 23 August in News

Heinrich Schirmbeck aus „Friede und alternative Gesellschaft“

Einige Worte zum Konzept des gewaltfreien Widerstandes und der sozialen Verteidigung:

Die gewaltfreie Verteidigung beinhaltet eine gewaltfreie, zivile Strategie. Ihr Hauptgedanke besteht darin, das verteidigte Gesellschaftssystem lebensfähig zu erhalten und dem Aggressor die Zusammenarbeit zu verweigern. Der Bürger bleibt zwar an seinem Arbeitsplatz verweigert den Besetzern jedoch konsequent den Gehorsam und die Kooperation. Ziel dieser Verteidigungsform ist es den Okkupanten die Beherrschung des eroberten Gebietes quasi unmöglich zu machen und sie letztlich zum Rückzug (Aufgabe) zu bewegen, weil eine wirtschaftliche Ausbeutung nicht möglich ist. Es ist das Rezept, das Anfang der zwanziger Jahre die Arbeiterschaft des Ruhrgebietes gegen die französische Besatzungsmacht anwandte.

Die soziale Verteidigung kann nur von einer Bürgerschaft durchgeführt werden, die sich innerlich von den Feindbildmustern, die die Grundlage der herkömmlichen vom Nationalstaat propagierten Verteidigungs-Psychologie bilden, freigemacht hat und den Gedanken anerkennt,

dass letztlich nur die Solidarität unter Menschen zum Frieden führen kann.

Die einer friedlichen Gesellschaft innewohnende Sicherheit beruht auf der Einsicht ihrer Bürger, dass ihre innere kraft sowie die von ihnen aufgebauten Lebensstrukturen jeden Versuch der Aufrechterhaltung irgendeiner Interessenherrschaft oder gar der Installation einer fremden Machtherrschaft vereiteln werden. Darin besteht auch die innere Logik der sozialen Verteidigung.

Der Friede fängt bei mir selber an. Wenn er bei mir ist, wenn ich mich liebe, ohne Befürchtung, ich müsste so sein, wie mich der andere will, dann werde ich den anderen lieben, wie er ist. Dann werde ich mit ihm leben oder neben ihm, ohne mich bedroht zu fühlen, leben können.

Dieses individual-psychologische Muster wird aus dem Ich-Bereich eines nicht mehr allzu fernen Tages auf den Völkerbereich übergreifen müssen. Anders ist die Weiterexistenz der globalen Staatengemeinschaft nicht denkbar. Dieses Ziel kann ohne friedens-pädagogische Beeinflussung der politischen Machtträger nicht verwirklicht werden. Denn wenn wir den dauerhaften Frieden als lebensnotwendige Grundlage unser und alles Völker herstellen wollen, dann müssen wir Verhaltensmodelle entwickeln, die von den Machtträgern als plausibel und verbindlich anerkannt und in verfassungsmäßig-gesellschaftlichen Strukturen umgesetzt werden.

Zu diesen Verhaltensmodellen gehören im Ernstfall auch Formen der Verweigerung, wie sie im Programm der sozialen Verteidigung einem äußeren Gegner gegenüber gehören.

Es bleibt uns nicht erspart, Handlungsmodelle zu erfinden und zu praktizieren, die die Schwerhörigkeit und Systemträgheit der Machtelite den Überlebensinteressen der Regierten gegenüber durchbrechen und zu einer Demokratie führen, die diesen Namen wahrhaft verdient. Diese wahre Demokratie müsste auch darin bestehen, dass die Menschen und Völker die durch die atomaren Vernichtungswaffen entstandenen Gefahren nicht mehr den militärischen Planungsstäben und ihren Experten überlassen, sondern sie veranlassen, diese Strategien angesichts der ums Millionenfache vermehrten Vernichtungskapazität klar auf den Tisch der öffentlichen Bürger-Diskussion zu legen.

Friedensforschung und Soziologie

Noch ein kurzes Wort zur wissenschaftlichen Friedensforschung, deren Methoden, Analysen und vielschichtigen Problemkreise aus dem Themenbündel dieser knappen Skizze ausgespart bleiben mussten. Werden ihre Vorschläge und Modelle die praktische Politik Beeinflussen? Können sie es überhaupt? Haben Systemanalyse der politischen Entscheidungs-Verfahren, Sozialkybernetik, Konfliktforschung usw. bisher auch nur einen Krieg verhindern können?

Die Antwort kann nur lauten:

Friedensforschung im weitesten und tiefsten Sinne begriffen, ist heute derjenige Zweig der Soziologie, ohne dessen Realisierung in der Politik alle anderen Zweige der Gesellschafts-Wissenschaften sinnlos werden. Die Wissenschaft von der Gesellschaft kann sich heute in ihrer vielschichtigen Potentialität, in ihrer evolutionären Dialektik nur dann noch begreifen und selbst definieren, wenn sie die Voraussetzungen eines solchen Begreifens geschaffen haben wird. Nämlich die wissenschaftliche Begründung einer friedlichen Weltordnung.

Die alte, im Grunde schon widersinnige Formel „Si vis pacem para bellum“ ist im Atomzeitalter nur noch ein Wahnsinnsrelikt. An ihrer Stelle hätte seit Jahrhunderten schon der Satz treten müssen:

„Wenn du den Frieden wirklich willst, dann beseitige die gesellschaftlichen Bedingungen und Falltüren, die die Menschen bisher immer in den Abgrund des Krieges springen ließen.“

Nicht der Krieg war immer und wird immer sein, sondern immer war der Mensch, der sich von Daseinsstufe zu Daseinsstufe wandelte. Für ihn gilt auch heute noch Hegels Satz:

„Die theoretische Arbeit bringt mehr in der Welt zustande als die praktische; ist das Reich der Vorstellungen revolutioniert , so hält die Wirklichkeit nicht stand“.

Für die Friedensarbeit heißt das, dass Theorie und Praxis einander in lebendiger Symbiose ergänzen müssen.