Heinrich Schirmbeck Stiftung | Ein Babel per Kabel“ ein kleiner Auszug zum Nachdenken:
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Ein Babel per Kabel“ ein kleiner Auszug zum Nachdenken:

Heinrich Schirmbeck

Ein Babel per Kabel“ ein kleiner Auszug zum Nachdenken:

15:22 14 Mai in Rundfunk Essay

Helga Willuweit-Schirmbeck schrieb auf Facebook Seite:

„Die grausamen Bilder der Vernichtungen von Menschen und Tieren haben mich innerlich verändert. In Erinnerung waren mir die Worte von Heinrich Schirmbeck und ich fand Erklärungen in seinem Essay „Ein Babel per Kabel“ ein kleiner Auszug zum Nachdenken:

Heinrich Schirmbeck aus dem Essay „Ein Babel per Kabel“ ist mit dem Untertitel Betrachtungen zur Sozial-Ästhetik des Fernsehens am 30.3.1984 im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel erschienen.

Es ist Tatsache, dass die Errungenschaften einer erdumspannenden Tele-Kommunikation offenbar nicht nur nichts zur Humanisierung des menschlichen Zusammenlebens sowohl im innerstaatlichen als auch im internationalen Bereich beigetragen haben, sondern sogar Zeugen einer wachsenden Brutalisierung zu sein scheinen. Ob diese wachsende Brutalisierung seit dem Ersten Weltkrieg durch ein sich ausbreitendes elektronisch-optisches Kommunikations-System, das gegenseitige Sich-Niedermetzeln der Völker und Gruppen findet sozusagen unter den gleichgeschalteten Augen der Weltöffentlichkeit auf der Mattscheibe statt – mitbedingt ist oder ob es sich um komplementäre Aspekte einer globalen Apokalyptik handelt, wage ich nicht zu entscheiden.
Ich möchte die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine seltsame Tatsache im Bereich der Physiologie des Nervensystems lenken: Jeder Sinnesreiz (optisch, akustisch, taktil etc.) wird mittels einer sich im Nervensystem fortpflanzenden Störung desNatrium-Kalium-Ionen-Gleichgewichts in der Nervenzellmembran weitergeleitet. Man hat dies experimentell erforschen können. Sticht man zum Beispiel mit einer mikroskopisch feinen Elektrosonde in eine Nervenzelle (Neuron) bzw. in deren Faser, das Axon, hinein, dann gleicht man damit die elektrische Spannung zwischen den Überschuss an Natriumionen der Oberfläche und der weniger starken Konzentration solcher Ionen im Inneren aus. Eine Depolarisation tritt ein. Diese künstlich herbeigeführte Störung aber pflanzt sich fort: nun wird die Membran des Nachbargebietes undicht. Wieder wandern die Ionen in das Zellinnere, führen den Spannungsausgleich herbei, ja, lassen die Potential-Schaukel sogar ein wenig nach der anderen Seite ausschwingen, indem ein leichter Ionenüberschuß entsteht. Aber auch hier tritt bald das Ruhe-Gleichgewicht ein, während die Störung weiter wandert – Ion (griechisch) =
= das Gehende – und nun das Nachbargebiet erfasst. So pflanzt sich der Ionenimpuls bis ans Ende der Nervenfaser fort.
Die Reizleitung der Nervenwege, die jede Erregung (auch die optische der Netzhaut des Augenhintergrundes) von der Peripherie bis zu den Gehirnzentren lenkt, ist somit eine Kette aufeinanderfolgender Depolarisationen.
Eine solche Depolarisation aber stellt sich, elektrophysiologisch betrachtet, als nichts anderes denn als einen Verletzungsvorgang, eine Aggression, dar. Würde diese durch die Flut der Sinnesreize von außen auf uns eindringende „ästhetische Aggression“ in den Nervenbahnen nicht immer wieder umgekehrt und ausgeglichen, dann würde sie schließlich in den Tod münden. Fazit:
Die Grundlage jeder sinnlichen Wahrnehmung (auch der elektronisch-elektromagnetisch vermittelten) wird von einer fortlaufenden Kette tödlicher Aggressionen und Wiederherstellungen gebildet, mit anderen Worten: einer geheimnisvollen Abfolge von Toden und Auferstehungen. Ich kann diese Dinge hier nur andeuten. Sie bedürfen der genial-intuitiven Schau und Erhellung durch einen Geist Teilhardschen Formates.
Eines aber scheint mir aus dieser nur spürenden Sicht schon mit ziemlicher Gewissheit hervorzugehen: Die von apokalyptischen Zerstörungswaffen starrende Erde, die Explosivität ihrer Staatenordnung, der Völker-, Stammes- und Gruppenterror, der schreiende Antagonismus zwischen Überfluss- und Hungergesellschaft, die ökologische Katastrophe auf der einen Seite und die elektronisch-audio-visuelle Bilderwelt andererseits, die dieses alles komplementär umgreift und beinahe stumpfsinnig legitimiert, sind kein zufälliges Zusammentreffen. Im Gegensatz zu den Ästhetikern der neuen kommunikativen Sensibilität bzw. medialen Hautnähe der global Getrennten sehe ich keine Steigerung des lebendig-gegenseitigen Fühlens, der weltverbindenden Sympathie und des harmonischen Miteinanders, sondern eher die Zunahme visueller Lethargie und ästhetischer Narkose! „