Heinrich Schirmbeck Stiftung | „ Die Pirouette des Elektrons“ 21 Erzählungen von Heinrich Schirmbeck
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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„ Die Pirouette des Elektrons“ 21 Erzählungen von Heinrich Schirmbeck

„ Die Pirouette des Elektrons“ 21 Erzählungen von Heinrich Schirmbeck

17:34 30 August in News

                            

  Als letzte Kurzgeschichte, sie ist beispielhaft, dass sie mit Recht an den Schluss gehört, in der Art wie der Manierismus von innen her, aus der Kraft des Symbolblicks, ins Schicksalsmächtige umschlägt.

    Die Geschichte trägt den gleichen Titel wie das Buch „Die Pirouette des Elektrons“ und spielt unter Amerikanern, 1946, nach der Hybris des Siegs. Wie von selbst stellt sich der Stil eines bewussten Manierismus her. Zwei Studienfreunde aus den College-Jahren treffen sich nach 15 Jahren wieder, er als Professor der Atomphysik, sie als berühmt gewordene Tänzerin. Berühmt wegen ihrer Buß-Tänze, die wie Bußpredigten wirken. Als Tochter eines fanatischen Pittsburgher-Methodistenpredigers bringt sie die Verdammnis des Zeitalters in ihren Tanz. Auf einen Spaziergang, den sie beide mit Freunden machen an frühere Erinnerungsstätten, findet sie den Tulpenbaum umgehauen, unter dem sie ihm Arien vorsang, und an seiner Stelle zeigt er ihr einen neuerbauten Zyklotron, eine Atomzertrümmerungsmaschine, eine grellrote Kuppel wie ein Fliegenpilz.

Sie findet das grotesk, aber er macht ihr ganz nüchtern klar, wie die lebensgefährliche Maschinerie die Abgeschiedenheit braucht.. Die Tafel „Eintritt ohne besondere Genehmigung strengstens untersagt“ weckt ihre Neugier und ihr Geltungsgefühl: wie weit sie als berühmte Tänzerin diese Genehmigung herbeiführen kann. „Wie soll ich die Apokalypse tanzen können, wenn ich nicht einmal die Mordmaschine gesehen habe, die an Hiroshima und Nagasaki das Schicksal von Sodom und Gomorrha wiederholte?“

Schon zeigt sich in solchem Ton der Gespräche das Hybrishafte einer aus den Fugen geratenen Zeit. Der Tänzerin wird die Erlaubnis erteilt. Herren in weißen Mänteln geben die Erklärung: dass hier Urbestandteile der Materie, ie man für unzerlegbar gehalten, in noch kleinere Partikelchen gespalten würden. Zwischen dicken Zementwänden geraten sie ins „Allerheiligste“, den Raum, der die Apparatur des Zyklotrons beherbergt. Zu sehen ist eine Trommel, in die eine Spirale eingebaut ist, durch die das Geschoss gesteuert wird von einem riesigen Elektromagneten über der Trommel, während der andere Magnet unsichtbar in der Erde liegt. Es geht darum, die Geschosse bis zur Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, durch ein elektrisches Wechselfeld. Die Tänzerin wagt das Bild einer immer schneller werdenden Pirouette, die in einem Wirbel, ende. Das Ganze dauert „das Millionstel einer Sekunde“. Auf ihren Wunsch wird der Magnet eingeschaltet, doch zu sehen ist nichts. „Geschieht es jetzt?“ fragt sie andächtig. „Ja, es geschieht!“

Was hier wirklich geschieht, zeichnet sich vorerst im Seelengefüge des Freundes, des Professors ab. Er spürt, wie tief sie in ihrem weiblichen Wesen betroffen ist. Bilder treten ihm vor die Seele, die den grandiosen Grundzug im Charakter der Tänzerin erfühlen:

          „Ein Sausen wie aus Sturmsfittichen des Cherubs hatte von ihren

          Gliedern Besitz ergriffen und entriss ihr Abend für Abend Bewegungen,

         die den Ekstasen der Heiligen, der tragischen Komik eines weiblichen

         Don Quichotte, dem letzten Sichaufbäumen eines sterbenden Schwans

         ähnlicher waren als dem glühenden Sinnenzauber einer Salome.“

 Er drückt ihr seine Besorgnis aus. Ihre Antwort spiegelt die Erschütterung wieder: „Es war ja weiter nichts zu sehen. Und doch ist alles so unbegreiflich!“ Und ihr entringt sich ein Bild, das ihr aus frühen Gesprächen mit dem Freunde haften geblieben ist. Es sprach damals, 1931, wie ein Neuromantiker von Böcklins Toteninsel in kalifornischen Eukalyptushain, einer „kalifornischen Toteninsel“. Jetzt prägt sie das Bild um: „Dies hier ist wirklich die Toteninsel des zwanzigsten Jahrhunderts“. Zugleich fordert sie die Männer heraus. Den Kunstkritiker, der als Bewunderer des Manierismus in der Kunst bekannt war, nimmt sie beim Wort, eil er vom „Tanz des Elektrons“ gesprochen hatte. „Wer hat hier etwas von einem Tanz gesehen?“ Die Herausforderung wird ganz im Stil des Manierismus angenommen. Der Kunstkritiker leugnet die Materie. „Die Physik hat den Substanzbegriff fallen lassen“. Das Elektron ist nur eine Struktur. Die Tänzerin erweist sich als beschlagen in der Terminologie des Atomphysikers, ihres Freundes. Sie spricht von der Theorie der „sogenannten Komplementarität“. Eben damit treibt sie den Gegner in den radikalen Manierismus, in die Hybris des männlichen Prinzips: „In den Strukturen allein liegt die wirklichkeitsbildende Potenz.“ Und er vergleicht solche Strukturphysik mit der Choreographie des Tanzes. Die Formen sie sind „wie Blitze, die durch den Plasmaleib der Nerven, Zellen und Neuronen schlagen“.

   Der Freund spürt, an welche Komplexe der Manierist mit seiner „eitlen Ahnungslosigkeit“ gerührt hat:

            „Er hatte ihr Eigentliches, den Drang nach Ausdruck und Erlösung

             ihrer weiblichen Träume in eine Sphäre der Abstraktion gehoben, die

            sie als tiefste Erniedrigung empfinden musste…Sie wollte Weib sein,

            nicht Modell.“

 Der Aufbruch mahnt daran, dass die Tänzerin in einer halben Stunde ihren Auftritt hat. Schon ist ihr schwarzes Haar zum pyramidenförmigen Aufbau getürmt. Als sich überraschend zeigt, dass der Zündschlüssel des Autos verschwunden, wird ein anderes gemietet, ein offener Cadillac. Eine Whisky-Runde hat in der Gruppeneuphorie die Stimmung angeheizt. Die Tänzerin thront auf dem zurückgeschlagenen Verdeck, sie erinnert den freund, wie er sie einst auf den Schultern trug. Plötzlich ist die Tänzerin in der rasanten Fahrt verschwunden. Der Scheinwerfer auf der langen Rückfahrt erfasst ihren Körper, ihr aufgelöstes Haar wie einen Strang um den Hals, hängend im Eichengeäst. Das Haar wird abgeschnitten, Brandy zwischen die Lippen gegossen. Noch einmal schlägt sie die Augen auf: „Weshalb habt ihr mich geweckt?“

   Das ist ein Überraschungseffekt. Ihm folgt noch eine Steigerung. Andern Tags erfährt der Freund, dass es der Magnet war, der seinen Zündungsschlüssel ihm aus der Tasche gezogen, ebenso wie die Haarnadeln aus dem Haaraufbau der Tänzerin.

   Eben damit aber schlägt die manieristische Geschichte ins Schicksalsmächtige um; ein elementarer Sinn wird offenbar. Die Hybris des männlichen Prinzips, in den Atomzertrümmerungen Tod-bringend zusammen gezogen, hat seinen Gegenpol vernichtet, das weibliche Grundelement der Schöpfung. Dem Freund fährt durch den Sinn, dass sie ihm oft wie eine „Kassandra“ erschienen war, „verdammt, den Untergang der Welt zu prophezeien“. Die Bußpredigerin, die ihre tiefsten Impulse aus „der eigenen Verdammnis“ genommen. In das Elite-Dasein der puritanischen Tänzerin verstoßen.

   Die dynamische Kraft, des hier zusammen gefassten Widersinns der Welt lässt in der Kurzgeschichte den düsteren Welthorizont aufleuchten: Ist nicht die amerikanische Atombombe in Los Alamos gezündet worden, in Neu-Mexiko, wo einst der Sonnenmythos der alten Mayakultur triumphierte? Gibt es eine schlimmere Perversion des Sonnenmythos als die Atombombe? Etwas von der Perversion des weiblichen Elements, im technischen Hybriszeitalter des Mannes hält die Metapher fest, dass die Tänzerin verscheidet mit dem Blick eines „sterbenden Geiers“, der sich zum letzten Mal aufbäumt.

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