Heinrich Schirmbeck Stiftung | Die Kultur und das sogenannte Böse. Rundfunkessay, veröffentlicht 1966 „Ihr werdet sein wie Götter“ von Heinrich Schirmbeck
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Die Kultur und das sogenannte Böse. Rundfunkessay, veröffentlicht 1966 „Ihr werdet sein wie Götter“ von Heinrich Schirmbeck

Die Kultur und das sogenannte Böse. Rundfunkessay, veröffentlicht 1966 „Ihr werdet sein wie Götter“ von Heinrich Schirmbeck

14:41 15 April in News

Heinrich Schirmbecks Essay zur „Überwindung der Aggression“ die Kultur und das sogenannte Böse – zeigt dem Menschen einen Weg, den Zusammenhang mit dem ungelösten Problem der menschlichen Aggressivität, aber auch mit den Tendenzen einer zivilisatorischen Enthemmung und Ausartungsbereitschaft, einer zunehmenden Primitivierung und Deformierung im Strom der Reizüberflutung, die bewusst gewählte Askese als ein therapeutisches Gegenmittel im Prozess einer zu neuen Normen hinzuführenden globalen Gesellschaft.

 

Gibt es ein Gesetz, das dem Menschen gebietet, die biologischen und ökologischen

Kreisläufe der Natur unangetastet zu lassen oder sich zumindest so geschmeidig und respektvoll in sie einzufügen, dass sie nicht die geringste Störung erleiden? Steht der Mensch so sehr außerhalb der Natur, dass alles, was er tut, naturnotwendig einen Eingriff bedeutet? Ist er nicht vielmehr auch ein System der Natur, da komplexeste allerdings unter allen Systemen, und ist er als solches berechtigt, auf andere Systeme einzuwirken und, wenn nötig, ihren Rhythmus zu verändern? Die Entwicklung des Menschen vom instinktgebundenen Tier zum umweltoffenen, objekt-distanzierten Geistwesen liegt eingebettet im Flusse eines unteilbaren biologischen Fortschritts. Und wenn er selbst seit etwa hunderttausend Jahren keine weitere anatomische Fortentwicklung mehr zeigt, so bedeutet das keineswegs, dass er biologisch stagniert. Die Entwicklung hat sich nur aus der Biosphäre in die Neo- bzw. Technosphäre verlegt. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass der gesamte kulturelle Prozess, in dem wir stehen, nichts anderes als ein biologischer Sonderfall, eine Fortführung rein biologischen Verhaltens, nur unter dem Zeichen des Geistes und der Psyche ist. Eine solche Auffassung erkennt auch das gegenwärtige Stadium der Technisierung, der maschinellen Organisation usw. als sinnvolle Station eines universellen biologischen Prozesses.

In dieser Weise gesehen, bekommt dann unser Problem ein anderes Gesicht. Auch der Mensch wäre demnach ein Teil des großen ökologischen Prozesses. Als Geschöpf der Natur, selbst als geistbegabtes Geschöpf, kann man ihn nicht ohne weiseres, außerhalb der natürlichen Kreisläufe stellen und behaupten, er sei die Negation alles dessen, was die Natur in jahrmillionenlanger Entwicklung hervorgebracht habe. Auch die Natur ist ja nicht konservativ. Im Gegenteil: ihr angeborenes Prinzip ist die Entwicklung, die Veränderung, die Verwandlung der Formen, die Differenzierung und Spezialisierung, kurz die Evolution. Auch sie lässt Arten die sie schuf, wieder aussterbe; auch sie trägt Berge wieder ab, die sie vorher emporgetürmt; auch sie lässt dort Wüsten entstehen, wo vorher Meere waren: und sie lässt Sterne den Kältetod sterben, die einmal glühende Gasbälle waren. Alle diese Veränderungen, dieses <Stirb und Werde!> vollzieht sich in unvorstellbar langen Zeiträumen. Im Menschen dagegen schuf sie sich ein Instrument, das Veränderungen unvergleichbar schneller bewirken kann. Der Mensch ist gewissermaßen Natur in höchster Potenz, ein Beschleunigungsprinzip, das millionenfach rascher arbeitet als die bisher gewohnten Kreisläufe. Und hier liegt das Problem.

>>Der Mensch ist eines der grauenvollen Ergebnisse mangelnder antiseptischer Vorsorge des Kosmos>> sagte der englische Naturforscher Sir Arthur Stanley Eddington. Aber vielleicht musste gerade der Mensch kommen, um die Natur von der Monotonie ihrer ungeheuer schleppenden Abläufe zu erlösen. Das wäre dann eine neue Perspektive: der Mensch, selber der Erlösung bedürftig, als Erlöser und Vollender der Natur. Statt der Vollendung könnte die Katastrophe eintreten. Die Kultur- und Zivilisationskritiker vom Schlage eines Ludwig Klages, Theodor Lessing, Werthmüller, Turel, Manstein, Vogt haben recht, wenn sie auf diese Möglichkeit beschwörend hinweisen. Kulturkritik, ja sogar Kulturpessimismus in seiner düsteren Form als entzeitliche Apokalypse haben ihre legitime Funktion gewissermaßen als Regulativ in gefahrvoll gewordenen Entwicklungen. Der Intellekt, selber ein spätes Produkt des Lebens, kann in der Hybris des Alleinherrschenswollens das Leben gefährden. Dieser Möglichkeit müssen wir ins Auge sehen.

Man sieht: die Gefahren werden wohl erkannt. Ob sie allerdings Resolutionen noch so verantwortungsvoller Gremien imstande sein werden, die zunehmende Verwüstung und erseuchung unseres Planeten zu verhindern, hängt nicht nur davon ab, ob Begriffe wie HUMANITÄT und MENSCHENWÜRDE als politische Faktoren in den wachsenden Integrationsprozess unserer Welt eingebaut werden können, sondern auch davon, ob es gelingt, die globale Bevölkerungslawine unter Kontrolle zu bekommen. Es gibt Pessimisten, die es für sinnlos halten, an den Symptomen herumzudoktern, und die statt dessen eine technische Askese fordern.

In einem Jahrhundert entfesselter Güterproduktion und ungehemmten Verbrauchs den Gedanken der Selbstdisziplin zur Diskussion zu stellen, erregt Befremden und mitleidiges Lächeln.

 

Fortsetzung folgt…….