Heinrich Schirmbeck Stiftung | „Die Formel und die Sinnlichkeit“ Heinrich Schirmbeck
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„Die Formel und die Sinnlichkeit“ Heinrich Schirmbeck

„Die Formel und die Sinnlichkeit“ Heinrich Schirmbeck

13:28 05 März in News

 Ausschnitt aus dem Rundfunk-Essay: „Der Dichter und das Diskontinuum“

Wer lebt, nimmt die Verpflichtung zum Sinn auf sich.

Der Spaltung von Gesellschaft und Individuum entspricht so dem Spaltungsphänomen in der Medizin oder genauer: in der Biologie der Zellen, und von dort führt sie weiter zur Spaltung des Atoms. Die atomisierte Seele, ihre mitmenschlich-nachbarlichen Bezüge beraubt, entdeckt die Sprengkraft ihrer eigenen Anarchie und findet ihr Spiegelbild in der Sprengkraft des materiellen Individuums, des Atoms. In der Begegnung dieser beiden äußersten Singularitäten manifestiert sich die tiefste Dämonie unserer Epoche. Sie wird nur in einer neuen Kommunikation aufgehoben. Den Gorgonenblick des Atoms können wir nicht mehr aus unserer Welt entfernen. Wir haben ihn aus der Tiefe beschworen, nun müssen wir ihn ertragen und mit der Zeit lernen, die Sprache des Atoms in unsere Welt einzubeziehen, denn

nur in der Verständigung ist Versöhnung und Bewältigung möglich.

Das darf nicht nur vom technischen Literaturstandpunkt verstanden werden: vor allem moralisch und poetisch. Es muss eine neue Gemeinschaft zwischen Mensch und Materie entstehen, eine Gemeinschaft im Sinne einer Vergeistigung dessen, was sich uns im materiellen Aspekt zeigt, und einer Verstofflichung, einer liebenden Rückbiegung (Re-flexion) unserer Geisteskräfte zum Ursprung, zum Irdischen hin, dessen Treuhänder und Verwalter wir sind.

Wo aber ist der Dichter, der die Sprache des Atoms verstünde, wie der Held des Märchens die Sprache der Vögel; der das Atom zum sprechen brächte und in kommunizierender Wechselrede den Einsamen aus dem Turm seines anarchischen Selbst lockt, bis ihm im jauchzenden Reigen der Atome die Musik von der Geburt einer Neuen Welt erklingt?