Heinrich Schirmbeck Stiftung | „Die Formel und die Sinnlichkeit“ Heinrich Schirmbeck
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„Die Formel und die Sinnlichkeit“ Heinrich Schirmbeck

„Die Formel und die Sinnlichkeit“ Heinrich Schirmbeck

11:24 11 März in News

Ausschnitt: „Der Dichter und das Diskontinuum“ Rundfunk-Essay. Veröffentlicht: 1964 im Paul List Verlag, München, in dem Band „Die Formel und die Sinnlichkeit“

Die Streitfrage ob die Welt kontinuierlich oder diskontinuierlich angelegt sei, beschäftigte schon die Griechen. In unserem Zeitalter standen sich Einstein, der die Welt als geschlossenes, vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum begreifen wollte, und Max Planck, der sie diskontinuierlich, [gequantelt], sah, als große Antagonisten gegenüber, und das

Gegensätzliche Erbe, das sie hinterließen, ist noch weit davon entfernt, in einer übergeordneten Synthese zu verschmelzen. Es kann aber nicht bezweifelt werden, dass die vorherrschenden Denkmodelle zur Zeit deutlich auf der Seite des [Diskontinuierlichen] liegen, und so ist denn nicht sehr verwunderlich, dass aus dem diskontinuierlichen, dem innerlich zusammenhanglosen, wahllos äußeren Reizen der Suggestionen preisgegebenen Menschen der [atomisierte] Mensch wurde.

Wie sieht er nun eigentlich aus, dieser atomisierte Mensch? Entspricht ihm irgendwie soziale Realität, ist er wirklich als leibhaftiger Typus da, oder handelt es sich nur um einen fiktiven Begriff, der erfunden wurde, um die Gesellschaftswissenschaft unseres Zeitalters mit der Atomphysik gleichzuschalten? Hört man Max Picard, könnte man das letztere fast annehmen:

„Gespalten und spaltend, aufgelöst und auflösend, dissoziiert und  dissoziierend – so ist die Struktur des Menschen heute, die seines inneren und äußeren Lebens, und genau so ist die Struktur der Atombombe. Beides muss zusammen gesehen werden: die Atombombe wäre ohne die Struktur des Menschen nicht erfunden worden. Die Atombombe war zuerst innen im Menschen: die Atombombe in uns selbst!“

Das klingt fast zu simpel, um wahr zu sein, und doch hat Picard hier den Finger auf einen Zusammenhang gelegt, der unsere seelische und gesellschaftliche Situation tiefgreifend bestimmt. Die moderne Naturwissenschaft begann mit der Renaissance, die auch die Geburtsstunde des Individualismus ist. Nicht der Forscher in der ständisch gegliederten Gesellschaft des Mittelalters, sondern das einsame Individuum, das den Refraktor zum bestirnten Himmel richtete oder in den künstlichen Kraftfeldern seines Laboratoriums die Materie untersuchte, beschenkte die Gesellschaft mit dem Atom. Physik mag heute Teamwork sein: in den letzten drei Jahrhunderten war sie die Beschäftigung genialer Einsamer, faustischer Seelen, die in der Begegnung mit der Natur das zu finden hofften, was ihnen die zerstückelte Mitmenschlichkeit versagte. Man begegnet immer dem, was man in der Tiefe seiner Seele sucht bzw. dem, was einem nach den geheimen Strukturgesetzen der Korrelation zugeordnet ist. Der einsame Mensch, der sich als einen winzigen, verlorenen Punkt im All empfand, entdeckte das Atom, ein anderes, winziges, verlorenes Etwas in der Unendlichkeit des Kosmos. Existenzphilosophie und Atomphysik spiegeln wechselseitige Aspekte einer Seinslage wider, deren Zentrum das beziehungslose, aus allen natürlichen Bezügen herausgerissene Individuum ist. So darf man, ohne sich dem Verdacht der Phantasterei auszusetzen, wohl behaupten, dass sich unsere Gesellschaft in einer Wechselbezüglichkeit zur Atomvorstellung befindet. Nicht nur, dass sich die gesellschaftlichen Atome, die Individuen, wie Atom- und Molekühlhaufen bewegen: die Atome selbst, die Individuen, scheinen in sich dissoziiert, auseinandergerissen. Ein Eindruck, ein Gefühl oder ein Gedanke steht isoliert neben dem anderen. Wir haben erlebt, dass es Menschen gibt, die jetzt ein Gedicht von Hölderlin lesen, im nächsten Augenblick ihren eigenen Vater denunzieren, dann mit ihrem Töchterchen ein Gutenachtlied singen, wieder etwas später die letzten Sportnachrichten hören, um dann den Tag mit der Provisionsabrechnung zu beschließen, nicht ohne sich diese Tätigkeit mit gedämpfter Jazzmusik untermalen zu lassen.

Da wir die Zeit zu lauter aufeinanderfolgenden, innerlich nicht mehr zusammenhängenden Bruchstücken zerhackt haben, können wir auch die Objekte nicht mehr zum Leben bringen. Denn auch die Dinge bedürfen der Kontinuität, um für uns Bedeutung zu haben. Wenn aber die Dinge schon nicht mehr zum Leben zu bringen sind, um wie viel mehr muss dann die Fähigkeit zur Liebe, zur Kommunikation, zur Teilhabe am Bedürfnis des Anderen verdorren, denn die Tiefe der Liebe lebt aus der Kontinuität der Liebensaugenblicke.

Innerhalb der zerstückelten Zeit wird das Individuum mit sinnlichen, geistigen, künstlerischen, motorischen, affektiven, differenzierten und primitiven Reizen überfüttert. Das alles in einer Diskontinuität, die jeden Sinn für organisch gewachsene Zusammenhänge, für Grenzen, Normen, überlieferte Verhaltensformen und Wertmaßstäbe zerstören muss. Hendrik de Man spricht in seinem Buch „Vermassung und Kulturzerfall“ davon, wie durch die zunehmende Schrumpfung der raumzeitlichen Distanzen das Gefühl für historisch gewordene und biologisch bedingte Maßstäbe verloren geht; wie eine allgemeine Orientierungslosigkeit und Barbarei der Wahrnehmungen Platz greift. Wir leben, ohne es zu bemerken, im psychisch-ästhetischen Chaos.

Wir liefen jedoch Gefahr, zu einseitig in unseren Folgerungen zu werden, wenn den heutigen Menschen nur aus dem individualistisch-atomistischen Aspekt zu deuten versuchen. Auch die Individualisierung ist ein legitimer Aspekt des Menschlichen. Dieses ist eingespannt in die Polarität von Selbstsein und Weltsein. Das Selbstsein erfüllt sich im Prozess der Individuation, das Weltsein aber offenbart sich im Teilhaben an einem universellen Substrat, möge dies gesellschaftlicher oder wissenschaftlich-produktiver Art sein. Man kann darüber streiten, welche Form der menschlichen Selbstverwirklichung die legitimere ist, philosophisch oder ethisch zu entscheiden ist die Frage nicht, denn es gibt keine von Anfang an gesetzte, absolute Norm des Menschseins, es gibt nur den ewig wieder von neuem beginnende Prozess der Menschwerdung, den jeder an sich selbst zu vollziehen hat. Zu denken geben sollte jedenfalls, dass es der aktive,  kämpferische, heroische Mensch, das faustische Individuum im Spenglerischen Sinne war, welches durch seine rastlose Aktivität und Naturforschung die Bedingungen dafür schuf, dass heute nicht der Typus des in sich ruhenden Individuums, sondern der Typus des von außen geleiteten, angepassten, konformistischen, dass heißt aber auch: diskontinuierlichen und atomisierten Menschen die Szene beherrscht. Der gigantische Apparat, mit dem der individualistische Tatmensch die Erde überzog, wurde zur Falle, in der sich der konformistische Mensch ansiedeln konnte. Der dialektische Prozess aber umklammert beide Arten menschlicher Selbstverwirklichung. Die eine geht aus der anderen hervor und wird wieder von ihr abgelöst.

Der Dichter aber, dem es obliegt, den Menschen in seiner konkreten Wirklichkeit zu deuten, darf über dem aufdringlich  Phänomenalen nicht die Grundmuster übersehen, in denen sich alles Menschliche bewegt. Gewiss empfindet er es als eine große Verlockung, den Menschen im Labyrinth seiner existentiellen Vereinsamung aufzusuchen. Er darf dem Beifall der Kritiker gewiss sein, wenn er das ausweglose Tappen in diesem Labyrinth zu einer grotesken Pantomime auffrisiert – und man wird nicht zögern, ihm das Prädikat eines tragischen Porträtisten der Epoche zu verleihen. Menschen in der Diskontinuität, in der Disharmonie mit dem Leben, in der Verzweiflung, in der Isolation, in der grauenhaften Langeweile des modernen Konsumbetriebes zu zeigen, ist immer ein spektakuläreres Unternehmen, als auf das Einfache, das sozial noch Integrierte, das aus der täglichen Versehrung sich immer wieder stumm Erneuernde zurückzugehen. Der Zerfall ist als Gegenstand der Dichtung nur dann legitim, wenn er nicht zum Selbstzweck erhoben wird, sondern als Stimulans eines therapeutischen Modells dient. Der noch nicht [dissoziierte] Mensch zeigt keine geringere Tiefe als der nihilistisch Zerspaltende. Der wahre Roman des Roquentin aus Sartres „La Nausée“ begänne ja erst in der Überwindung des Daseinsekels, in der Wiedergewinnung eines Wertesystems, in dem die Baumwurzel ihre biologische Funktion und ihren ästhetischen Sinn fände, in dem der Sonnenstrahl  nicht nur zu einem Sinnbild der  Liebe, sondern auch zu einem Pfeil des Transzendenten würde. Die Elemente einer solchen Dichtung aus den Scherben des Nihilismus zu gewinnen, ist ohne Zweifel schwieriger, aber auch verdienstvoller als die tragische Koketterie mit dem Sinnlosen. Wer lebt, nimmt damit die Verpflichtung zum Sinn auf sich.