Heinrich Schirmbeck Stiftung | Das Märchen vom sicheren Atomkraftwerk!
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Das Märchen vom sicheren Atomkraftwerk!

Das Märchen vom sicheren Atomkraftwerk!

12:53 15 September in Allgemein

„Das Märchen vom sicheren Atomkraftwerk“ Heinrich Schirmbeck 1969
Da die Technik keine Gefäße kennt, für welche garantiert werden kann, das sie, wenn man sie zur Zeit des babylonischen Königs Nebukadnezar vergraben hätte, heute noch absolut dicht wären, wird von den technomanisch gehetzten Experten eine andere „Lösung“ vorgeschlagen: Man vergrabe den Atommüll in geologischen Formationen, die seit geologischen Zeiträumen – also hundert-tausend und mehr Jahren – dicht und unverändert sind, zum Beispiel Salzstöcken. Solche Formationen gibt es tatsächlich. Es gibt aber auch Salzstöcke, die durch geologische Einflüsse während derselben Jahrtausende geöffnet worden sind. Außerdem gibt es Geologen, die glauben, entscheiden zu können, welche von diesen Formationen während der nächsten fünfzig- bis hunderttausend Jahren unverändert bleiben werden.“ Auch hier wieder die Kategorie des Glaubens, des Nicht-Wissens, der bloßen Anmaßung eines Wissens, das es nicht gibt. Die Abschirmung einer über Jahrhunderttausende existenten Gefahr wird einem wissenschaftlichen Optimismus anvertraut, der in jedem anderen Gebiet der Wissenschaft als naive Einfaltspinselei verlacht würde. Wer kann garantieren für das Verhalten unzähliger kommender Generationen übernehmen? Wer bürgt dafür, dass diese Generationen das heutige Technokraten-Projekt nicht verfluchen oder in einem Anfall zynischer Selbstzerstörung die ihnen auferlegte Bewachungs-Hypothek in die Luft sprengen?
Aber selbst, wenn das nicht Wißbare geschähe und die für den strahlenden Abfall gewählte geologische Formation tatsächlich über hundert-tausend Jahre unverändert und dicht bliebe, hat man eines nicht bedacht: Wenn man Atommüll in den Salzstock versenken will, muss man diesen öffnen. Dann aber ist das Innere der Formation eben nicht mehr hermetisch von der Umwelt abgeschlossen, sondern unvorhergesehenen Einflüssen geöffnet.
„Eine angeschnittene Zitrone ist eben keine geschlossene Zitrone mehr“. Das ist die lapidare Weisheit eines Kindes, aber in dieser Kinderweisheit stellt sich aller Technologen-Optimismus als zynischer Leichtsinn bloß.
Was wird also, wenn in nicht allzu ferner Zeit tausend Kernkraftwerke
in der ganzen Welt – die Ziffer ist nach globalen Plänen der Energie-Konzerne durchaus nicht utopisch – jahraus jahrein Zehntausende von Tonnen radioaktiven Mülls produzieren? Wer wird sie unter narrensicherer Kontrolle halten?
Vielleicht wird eine neue Wissenschaft entstehen: die ATOMMÜLL-ARCHÄOLOGIE. Welche Überraschungen uns die Archäologie der letzten Jahrhunderte zur Belebung unseres Geschichtsbildes beschert hat, kann man in Büchern wie etwa „Götter, Gräber und Gelehrte“ von Ceram nachlesen. Diese Überraschungen waren allerdings harmlos, weil das Vergrabene und Verschüttete harmlos war.. Atommüll dagegen – man will ihn in Glas einschmelzen – ist, wenn er wieder auftaucht, der im Glas- und Salzsarg mumifizierte Massentod.
Man denke an Schneewittchen im Glassarg: Ein Stolpern der Zwerge genügte, um den vergifteten Apfel wieder ans Licht zu bringen. Für Schneewittchen bedeutete es das Leben; für die Menschen käme das Leben – die Unvorhersehbarkeit des Geschehens – in der Gestalt des Todes zurück.
Der Mensch ist das zur Fehlleistung, zum Irrtum verurteilte Wesen, weil seine Freiheit nur durch Irrtum und Fehlleistung gewährleistet ist, und weil er aus ihnen lernt. Will er die Fehlleistung ausschalten – was im Falle der Nutzung der Kernenergie die unabdingbare Voraussetzung ist -, muss er die conditio humana abwerfen – falls das überhaupt möglich ist! – um zum starren Maschinenwesen zu werden. Aber selbst Maschinen sind der Materialermüdung, der strukturellen Degeneration dem Trend zum Präzisionsschwund ausgesetzt.
Die menschliche Fehlleistung – Motor und Antrieb seines Fortschritts – würde ihm auch als Maschinenmensch wie eine letzte Erinnerung an sein ehemaliges Menschsein anhängen. Aus diesem Zirkel gibt es keinen Ausweg.

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