Schirmbeck Stiftung | Das Geheimnis der Eisblumen
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Das Geheimnis der Eisblumen

Das Geheimnis der Eisblumen

20:59 01 Januar in Buchauszüge

Nun Blühen sie wieder
In den letzten Jahren sind Eisblumen fast zur Legende geworden; – nun blühen sie wieder! Welche geheimnisvolle Kraft ist es, die dem Wasser diesen kristallenen Wunderteppich von Palmen, seltsamen Koniferen, Agaven, Farnen, Algen und Schilfen entlockt?
Wer das Gras nie wachsen  h ö r t e, der vermag es doch hier, am eisblumenbedeckten Fenster – auch ohne den Trick des Zeitraffers – in aller Deutlichkeit wachsen zu  s e h e n.
Wie oft mag nicht ein warmer Hauch aus Kindermund an diesen strengen Wintertagen ein Guckloch in den Pflanzenwald des Fensters tauen. Mit entzückten Staunen wird dann beobachtet, wie die Lichtung von allen Seiten wieder zuwächst – ein atmendes Geflimmer von Eisnadeln bildet sich aus der dünnen Haut des Schmelzwassers und fügt Nadel an Nadel, Kristall an Kristall, zu den wundersamsten Wintergärten zusammen, die das Auge kennt.
Die Poesie dieser Vegetation, die in ihrer merkwürdigen Verbindung von eisiger Kristallizität und exotisch-üppiger Fülle zu den geheimnisvollsten Erscheinungen der Natur zählt, wird neu entdeckt, nachdem der Vormarsch der Zivilisation mit ihren Zentralheizungen und Klimaanlagen begann, die Wunder dieser Pflanzenwelt in das Kuriositätenkabinett unserer Umwelt zu verdrängen. Sehr zum Schaden der allgemeinen Bildungskräfte, denn es wird immer wieder ein Erlebnis von höchsten erzieherischen Anschauungsgehalt bleiben, darüber nachzudenken, warum – um noch einmal auf das Guckloch am Fenster zurückzukommen – warum diese Lichtung im Eiswald genau wieder so zuwächst, dass nirgendwo (wie es zum Beispiel bei schlecht zusammengeklebten Tapeten der Fall sein kann) eine Überschneidung im Blätterdickicht entsteht, sondern alles wieder – gleich einem vorher durchdachten Bilde – ineinander wächst und zusammenpasst.

Welcher bildende Geist ist hier am Werke? Welche Kraft zwingt das Wasser, statt eines regellosen, zufälligen Mosaiks von Eiskristallen wirkliche Pflanzenformen nachzubilden, wie sie noch heute in der Natur vorkommen?

STRINDBERG`S   THEORIE
Der erste, der diesem Rätsel nachspürte und eine wirkliche Theorie darüber hinterließ, war August Strindberg, der schwedische Dichter und Naturphilosoph. Er nahm an, dass im Wasser verborgene Formungskräfte wirksam seien, und meinte damit die Formungskräfte derjenigen Pflanzen, durch die der Kreislauf eben desselben Wassers seit Jahrmillionen hindurchgegangen ist.
Denn was wir an den Fenstern sehen, das sind ja – neben niederen Pflanzen wie Algen, Bärlappgewächsen und Pilzen – hauptsächlich die Blattformen mit den langen, parallelen Linien der Monokotyledonen
(der Einkleeblättrigen), wie Palmen, Gräser und Schilfe. Ein großer Teil davon ist uraltes Leben, das ebenso wie die Tierwelt jener Vorzeit längst wieder vergangen oder in andere Formen verwandelt ist.
Warum sollte das Wasser, nach Thales der Ursprung allen Lebens, das zeugende Element, „durch dessen Leib“ (wie Mystiker Jakob Böhme sagt) „alles Leben durchgedrungen“, nicht eine Erinnerung an die Pflanzenformen bewahrt haben, die einst aus seinem Schoße hervorgingen? Vielleicht aber sind diese verborgenen Formkräfte, die nur unter der Bedrängnis des Frostes ans Licht treten, gar nicht so sehr Erinnerung an bereits Geschaffenes, als vielmehr dessen eigentliche Voraussetzung, das geistige Bild oder – sagen wir ruhig: die  I d e e ,
nach welcher die Natur zu Werke ging, als sie diese Pflanzen schuf?
Wenn irgendwo in der Welt, dann haben wir hier einen nicht zu übersehenden Fingerzeig, dass die Idee früher ist als das Geschaffene.

Goethe, der in den Spuren dieses platonischen Idealismus wandelte, als er seine „Metamorphose der Pflanzen“ schrieb, hätte im Phänomen der Eisblume eine wirksame Stütze für seine Theorie gefunden.

Derartige geheimnisvolle Formkräfte sind nicht auf das Wasser beschränkt. Wieder war es Strindberg, dessen Experimente den Biolagen neue fruchtbare Wege hätten öffnen können, wenn man seine Forschungen damals nur beachtet hätte! Strindberg verbrannte die Blüten verschiedener charakteristischer Blumen, wie z.B. Kaiserkronen und Dahlien löste die Asche in einer geeigneten Flüssigkeit auf und ließ die Lösung auf einem Glasplättchen verdunsten. Unter der vergrößernden Linse zeigten sich dann eisblumenähnliche Kristallisationsbilder, die die Formen der verbrannten Blüten deutlich erkennbar wiederholten.
Der tote Stoff hatte also die Form seiner ehemals lebendigen Gestalt bewahrt und reproduzierte sie als Kristallmuster.

VOR – ODER NACHBILDER ?
Auch Weinsäure, sofern sie aus natürlicher Weinhefe hervorgegangen ist, kristallisiert in ornamentförmig angeordneten Weinranken aus, während gewisse, aus pflanzlichen Harzen gewonnene Lacke, wenn sie springen, kunstvolle Tierformen zeigen, die an einfache Pflanzen oder niedere Tiere erinnern,
Ernst Haeckel hat in seinem Werk „Die Kunstformen in der Natur“ eine Fülle einprägsamer Beispiele zu diesem Kapitel zusammen getragen. Manch einer mag in diesem Zusammenhang an das mystische Kapitel aus dem Roman „Doktor Faustus“ von Thomas Mann denken, wo Adrian Leverkühns Vater, ein alchemistisch angehauchter Grübler, aus einer Lösung von schleimigen Wasserglas, deren Boden er mit Kristallen von chromsaurem Kali und Kupfersulfat bestreut hat, die seltsamsten Gebilde hervorzauberte, „eine konfuse Vegetation blauer, grüner und brauner Spießereien, die an Algen, Pilzen, festsitzende Polypen, dann an Muscheln, Fruchtkolben, Bäumchen …. erinnerten.“

Dasselbe Kapitel enthält auch eine der schönsten, sehr wahrscheinlich von Strindberg inspirierte Betrachtung über das Phänomen der Eisblumen: „Bildeten … diese Phantasmagorien die Formen des Vegetativen v o r,  oder bildeten sie sich  n a c h?  Keines von beidem, erwiderte er wohl sich selbst, „es waren Parallelbildungen. Die schöpferisch träumende Natur träumte hier und dort dasselbe, und durfte von Nachahmung die Rede sein, so gewiss nur von wechselseitiger.
Sollte man die wirklichen Kinder der Flur als die Vorbilder hinstellen, weil sie organische Tiefenwirklichkeit besaßen, die Eisblumen aber bloße Erscheinungen waren? Aber ihre Erscheinung war das Ergebnis keiner geringeren Kompliziertheit stofflichen Zusammenspiels als diejenige der Pflanzen. Verstand ich unseren Gastfreund recht, so war, was ihn beschäftigte, die Einheit der belebten und der sogenannten unbelebten Natur, es war der Gedanke, dass wir uns an dieser versündigen, wenn wir die Grenze zwischen beiden Gebieten allzu scharf ziehen, da sie doch in Wirklichkeit durchlässig ist und es eigentlich keine elementare Fähigkeit gibt, die durchaus den Lebewesen vorbehalten wäre, und die nicht der Biologe auch am unbelebten Modell studieren könnte.“
BLUTBLÜTEN  ZUR  DIAGNOSE
Noch aber bleibt das wundersamste Beispiel auf dem Gebiet der organischen Formungskräfte zu erwähnen. Zwölf Jahre nach Strindbergs Tod wandte sich die Wissenschaft – ohne die Pionierarbeit des genialen Eigenbrötlers zu kennen – den möglicherweise auch im menschlichen Blute schlummernde Formungskräften zu.
Das Ergebnis war überraschend.
Wenn man Kupferchloridlösung in einer Schale verdunstet, dann bleibt auf dem Boden der Schale ein Kristallisationsbild von eigenartiger Gestalt zurück. Setzt man der Lösung jedoch vorher verdünntes menschliches Blut zu, so ergibt sich nicht das normale, sondern ein wesentlich verändertes Kristallbild.
Kupferchlorid reagiert somit auf die Formungskräfte des menschlichen Blutes; es reagiert sogar in krankheitsspezifischer Weise, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als dass z.B. das Blut eines Tuberkulosekranken ein anderes Kupferchloridbild liefert als das Blut eines Diabetikers.

Die medizinische Wissenschaft hat versucht, diese Tatsache für die Diagnose von Krankheiten auszuwerten.
Erregende Zusammenhänge scheinen sich hier blitzartig aufzutun, und dennoch sind kaum die ersten tastenden Schritte in dieser geheimnisvollen Landschaft getan.
So zeigen die Eisblumen eine rätselhafte Verwandtschaft mit den Kristallblumen unseres Blutes. Möchten wir der Verwandtschaft immer eingedenk bleiben, vornehmlich aber dann, wenn nach dem Ansterben der Natur als einzige Blume des Jahres die Eisblume zurückbleibt.

Sie spiegelt nicht nur das Gedächtnis vergangener Pflanzenwelten, sie ist auch Sinnbild des Geistes, der über den Wassern schwebte, ehe die Schöpfung ward; jenes Geistes, der im Winter zu den Menschen kam. Aber erst Fleisch und Opfer werden musste, ehe er sich in seiner ganzen strahlenden Fülle ausgoss.