Schirmbeck Stiftung | Brief von Heinrich Schirmbeck an Petra Kelly vom 15. März 1983
Heinrich Schirmbeck, Schriftsteller,
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Brief von Heinrich Schirmbeck an Petra Kelly vom 15. März 1983

Heinrich Schirmbeck

Brief von Heinrich Schirmbeck an Petra Kelly vom 15. März 1983

19:03 18 April in Briefe, gesellschaftliche Impulse

Heinrich Schirmbeck 15. März 1983

an Petra Kelly: Zum Nürnberger Tribunal und anderem

Heinrich Schirmbeck schickte uns mit der Bitte um
Veröffentlichung den folgenden Brief. Wir kommen
Seiner Bitte gern nach, umso mehr, als einige seiner
Besorgt-kritischen Bemerkungen sich mit eigenen
Beobachtungen decken.. Die Redaktion Neue Politik

Sehr verehrte Frau Kelly.
Nun ist der Bundestagswahlkampf vorbei. Morgen abend werden wir wissen, ob und mit welcher Stärke die Grünen in den Bundestag einziehen. Was ich mit meinen begrenzten Möglichkeiten für die Erreichung diese Zieles tun konnte, habe ich getan, das wissen Sie. Es wäre schon ein außerordentlicher Erfolg und Gewinn, wenn – einmal gänzlich abgesehen von der Frage einer Mehrheitsbildung oder Koalitionsmöglichkeit – die Grünen ein bundesweites und damit weltweites parlamentarisches Sprachrohr bekämen, das sie w i r k l i c h brennenden und wesentlichen Problemen, ohne die Möglichkeit der Verschleierung durch die Medien, dem Staatsbürger stets präsent hält. Dafür habe ich mich in den letzten Jahren eingesetzt und dazu wünsche ich den Grünen nochmals von Herzen allen, allen Erfolg!
Ich habe, um den Wahlkampf nicht noch weiter zu belasten, diesen Zeitpunkt abgewartet, um Ihnen ein paar Worte zum Verlauf des Nürnberger Tribunals zu schreiben, die Sie bitte richtig und nur im Interesse der Sache gemeint verstehen wollen:

Die Mischung von juristisch-völkerrechtlicher Prozedur, literarisch-künstlerischen Einlagen, persönlichen Erinnerungen und Deklarationen hat dem Ganzen den Charakter eines strengen, sachgerechten Tribunals, etwa im Sinne der Russell-Tribunale (auch sollte mit der Wahl Nürnbergs ja an die Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunale erinnert werden) genommen und eine Kundgebung mit lediglich juristischen Anstrich daraus gemacht. Schade! Die Medien hätten an diesem Tribunal nicht so vorübergehen können, wenn es sich in Prozedur, Form und Verlauf (wenn auch nicht in der formalrechtlichen Substanz bzw. Legalität) strenger an die Kriterien eines wirklichen Tribunals gehalten hätte. Außerdem hätten die s u b s t a n t i e l l e n Aussagen und Referate zu den einzelnen Anklagepunkte zeitlich so koordiniert werden müssen, dass die volle Aufnahmefähigkeit durch das Auditorium gewährleistet gewesen wäre. Es ging nicht an, dass der für den Prozessgegenstand ziemlich irrelevante Beitrag einer Karin Struck in den frühen Nachmittagsstunden fiel und der ungeheuer wichtige Beitrag eines ehemaligen Teilnehmers der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, nämlich Richard Sperbers, durch Anordnung des Podiums auf 5 Minuten gekürzt wurde. Ich saß neben Herrn Sperber, kannte seinen wichtigen Beitrag und konnte seine schweigend unterdrückte Enttäuschung und Empörung verstehen, die sich darin kundtat, dass er den Saal verließ. Dieses eine Beispiel nur unter mehreren.
Auch mein eigenes Referat zu den ethischen Gesichtspunkten der Massenvernichtungswaffen war wichtig und äußerst substantiell, wie mir hinterher von Mitgliedern des Auditoriums wie auch des Referentenkreises (z.b. Robert Jungk) versichert wurde. Dass die Jury erklärte, sie habe keine Fragen zu diesen Aussagen zu stellen, kann ich entweder nur als bewusste und beabsichtigte Bagatellisierung oder als Folge mangelhafter Koordination (es war inzwischen 20.00 Uhr geworden) verstehen.
Man hätte das abendliche Gähnen für die Literaten aufheben sollen. Ich war nach Nürnberg gekommen, um von der Jury b e f r a g t zu werden. Andere dehnten ihre Antworten auf Viertelstunde und mehr aus!
Gestatten Sie mir zum Schluss noch ein paar Worte zum Umgang der Grünen mit Vertretern der Kultur- und Literaturszene. Seit die Grünen „Schlagzeilen“ machen (ich freue mich darüber), bekriechen sich unter den Prominenten der Kulturszene, die jahrelang von ihnen keine Notiz genommen haben, weil sie die Berührung mit angeblichen „Spinnern“ als einen öffentlichen Prestige abträglich hielten, nunmehr einige und feiern Umarmungsfeste mit den vorher Gemiedenen. Wie die SPD seit vielen Jahren ihren „poeta laureatus“ hat, sind nun auch die Grünen zu dem ihren gekommen. Der Nobelpreis macht sich immer gut, auch für die Grünen. Dass der Betreffende jahrzehntelang einer Partei nahestand, die mitverantwortlich oder sogar hauptverantwortlich für die gegenwärtige lebensbedrohende Misere ist, wird im Interesse des Prestiges und der Mann-von-der-Straße-Publizität gern unter den Teppich gekehrt. Wenn solche Methoden – das genannte Beispiel ist nur eines unter anderen – bei den Grünen nun auch Einkehr halten, werden sie von der nivellierenden Macht der Parteienfassade über kurz oder lang aufgezehrt und ihre Mission der grundlegenden Wende nicht erfüllen können.
Ich persönlich habe jahrzehntelang zu denen gehört, die Dreckarbeit machten (Dutzende von Protest-Aktionen: Vietnam-Krieg, Deutsch-Brasilianisches Nuklear-Geschäft, Thieu-Skandal, Atomares Veto-Recht für die Deutschen etc.., etc.), aber wenn jetzt ein nobelpreisgekrönter Literat kommt, der von Tuten und Blasen, besonders von Ökologie, nicht den geringsten Schimmer hat, dann werden Medien-Schamanentänze aufgeführt, während die, die eigentliche Arbeit geleistet haben, auch Pionierarbeit, wie in meinem Falle, als Pinscher, die man nun nicht mehr braucht, in die Ecke gedrückt werden. Ich besitze noch die dankbaren Briefe, die General Bastian mir damals, als er aus Protest gegen den NATO- Nachrüstungsbeschluss aus der Bundeswehr ausschied, schrieb, weil ich ihm meine Sympathie und Solidarität für seinen mutigen Schritt ausdrückte. Heute scheucht er mich mit Kommandeursstimme wie einen kleinen Gefreiten beiseite, weil ich es wagte, bei Tisch eine Frage an Sie zu richten. Sie selbst haben mir mit keinem einzigen freundlichen Wort dafür gedankt, dass ich Ihnen im bayrischen Landtagswahlkampf auf Ihren Wunsch hin Schützenhilfe leistete.
Ich will das alles – weitere Beispiele erspare ich mir – nicht überbewerten. Ich werde weiterhin – wenn auch von nun an auf anderen Wegen – für die Ziele der Grünen arbeiten.. Meine Worte sind auch nicht böse oder persönlich gemeint. Ich wollte Sie nur auf die Gefahren aufmerksam machen, die notwendigerweise auftauchen, wenn die Grünen in den offiziellen Parlamentsbetrieb und das allein auf Publizität und nicht auf Substanz und wirkliches Verdienst ausgerichtetes Mediengerangel absorbiert werden. In der Beilage (eine liste von 77 ökologisch-gesellschaftskritischen Sendungen im Rundfunk von 1953 – 1980, die meisten davon in einer Dauer von 60 oder 45 Minuten), eine Aufzählung der ökologischen Themen, die ich im Rundfunk zur Diskussion gestellt habe – es war natürlich nur ein Sektor, aber nicht der unwichtigste im Spektrum meiner wissenschaftlichen Sendungen, zu denen ich mich als Dichter verpflichtet fühlte. In diesen Jahren gab es noch keine Grünen und sie selbst waren kaum geboren. Es ist leider eine alte Erfahrung, dass die Wegbereiter zu guter letzt immer den Machern weichen müssen. Ich gehe trotzdem auf meinem Wege zum Nutzen der erhofften Wende weiter und bin Ihnen und den Grünen unverändert verbunden. Aber Briefe werde ich Ihnen keine mehr schreiben und Fragen werde ich keine mehr an Sie richten. Das tut der Bewunderung und der tiefen Sympathie, die ich für Ihre aufopfernde Leistung empfinde, keinen Abbruch. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles, alles Gute und verbleibe
Mit herzlichen Grüßen Ihr gez. Heinrich Schirmbeck